Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das weltweit erste Passivhaus wurde 1991 in Darmstadt gebaut.
+
Das weltweit erste Passivhaus wurde 1991 in Darmstadt gebaut.

Darmstadt

Klimaschutz: Das weltweit erste Passivhaus steht in Darmstadt

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
    schließen

Vor 30 Jahren entwickelte Wolfgang Feist ein Haus, das das Klima schützt. Heute ist die Idee des Passivhauses aus Darmstadt in der ganzen Welt verbreitet. Die Gewinner eines internationalen Wettbewerbs stehen jetzt fest.

Update vom 14. September 2021: Die Gewinner des „Pas­si­ve Hou­se Award 2021“ stehen fest. Die Projekte aus der ganzen Welt zei­gen, wie das Pas­siv­haus als nach­hal­ti­ger Baus­tan­dard ar­chi­tek­to­nisch hoch­wer­tig und viel­sei­tig um­ge­setzt wird. Ein be­son­de­res Au­gen­merk des Wett­be­werbs lag da­bei auf der Ver­sor­gung die­ser Ge­bäu­de mit re­ge­ne­ra­ti­ver Ener­gie, wie das Passivhaus Institut in Darmstadt mitteilte. Zu den 20 internationalen Finalisten gehören nicht nur Neubauten, sondern auch Sanierungsprojekte. Dabei ein Appartementhaus in München (Bayern), ein Zweifamilienhaus in Hamm (Nordrhein-Westfalen),  ein 16-stöckiges Verwaltungsgebäude in Wien (Österreich) sowie mehrere Schul- und Universitätsgebäude. Zu den Gewinner-Projekten: https://cms.passivehouse.com/de/passive-house-award/

Erstes Passivhaus vor 30 Jahren in Darmstadt erbaut

Ursprungsartikel vom 11. Septemer 2021: In Darmstadt entwickelte und baute Wolfgang Feist vor 30 Jahren das erste Passivhaus der Welt. Noch heute lebt der Energiesparpionier mit seiner Familie in dem Reihenhaus in Kranichstein. Da gerade noch ein Jubiläum ansteht – zurzeit läuft die 25. Internationale Passivhaustagung, initiiert vom Passivhaus-Institut (PHI) in Darmstadt – ist Feist zu beschäftigt, um der Frankfuter Rundschau sein Haus zu präsentieren. Er ist Leiter und Gründer des Instituts, das inzwischen den Bau von Passivhäusern auf der ganzen Welt betreut.

Doch ganz in der Nähe von Feists Haus stehen weitere Passivhäuser. Eines davon gehört Berthold Kaufmann, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Passivhaus-Institut. Optisch unterscheidet sich sein Haus nicht von anderen Häusern im Wohnquartier K6 in Kranichstein: Es sieht aus wie ein gewöhnliches Reihenhaus. Aber es schwimmt auf einer 20 Zentimeter dicken Platte aus Polystyrol, ist überhaupt eingepackt in eine 25 Zentimeter dicke Schicht aus Dämmstoffen und hat keine Heizung im herkömmlichen Sinn. „Unser Keller ist Sommer wie Winter 20 bis 22 Grad warm“, sagt Kaufmann. Heizen müsse er erst ab Ende Oktober, Anfang November und das auch nur in geringem Maß.

Passivhaus: 90 Prozent Ersparnis bei Heizenergie

Er deutet auf einen kleinen weißen Kasten unterhalb der Zimmerdecke: Aus der Belüftungsanlage strömt permanent frische, gefilterte Luft von außen. Diese wird im Wärmetauscher im Keller durch verbrauchte Abluft angewärmt. Reicht dies nicht mehr aus, kommt Fernwärme zum Einsatz. Umgerechnet verbrauche er nur eineinhalb Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr, sagt er. Ein Altbau benötige zehnmal so viel,

Wie sehr die Außenluft angewärmt wird, kann Berthold Kaufmann im Keller ablesen.

Als Wolfgang Feist 1991 seine Idee gemeinsam mit drei anderen Bauherren umsetzte, wurde er von vielen belächelt. Die notwendigen Bauteile, etwa gedämmte und dreifach verglaste Fenster mussten extra angefertigt werden.

Seither hat sich die Idee eines komplett eingepackten Hauses ohne Kältebrücken, das 90 Prozent der Heizenergie eines konventionellen Hauses einspart, in der ganzen Welt verbreitet: 29 000 Wohneinheiten weltweit hat das PHI bisher zertifiziert. In der Datenbank sind in Darmstadt 79 Passivhäuser gelistet, in Frankfurt 46 – viele davon mehrgeschossige Wohnhäuser. Dabei ist eine Zertifizierung keine Pflicht. Bauherren- und -herrinnen können sie vornehmen lassen, um Förderungen zu erhalten oder um sicherzugehen, dass alles perfekt verbaut wurde und funktioniert, sagt Kaufmann.

Bauen und sanieren

Das Passivhaus ist die konsequente Weiterentwicklung des Niedrigenergiehauses: Die unnötigen Wärmeverluste durch Wände, Dächer und Fenster werden soweit verringert, dass die Heizung gänzlich unbedeutend wird; es sind nur noch rund 1,5 Liter Heizöläquivalent je Quadratmeter und Jahr nötig.

Ein gut geplantes Passivhaus ist laut seinem Erfinder Wolfgang Feist aus Darmstadt in der Investition nicht deutlich teurer als ein konventionelles Haus.

Die verwendeten Dämmmaterialien wie Polystyrol, Glasfaser, Cellulose oder Steinwolle gelten als recyclebar und ungiftig. Selbst Polystyrol, das aus Erdöl besteht, hat in Form von Dämmmaterial eine gute Co2-Bilanz, da ein Passivhaus in seiner Nutzungsdauer von 50 bis 100 Jahren mehr Co2 einspart als wenn man das Erdöl einfach verbrennt.

Corononatauglich ist das Passivhaus durch sein Belüftungssystem: Anders als bei mobilen Luftreinigern wird der Raum permanent mit frischer, gefilterter Außmnluft verorgt.

Informationen zum Bau und der Sanierung nach dem Passivhausstandard gibt es noch bis 16. September auf der Passivhaus-Fachausstellung, die derzeit kostenlos für jeden zugänglich ist unter: https://passivehouseconference.expo-ip.com/

Die Sieger des Passive House Award stehen fest. Alle Projekte: https://cms.passivehouse.com/de/passive-house-award/

Passivhäuser werden derzeit massiv gefördert. Die Förderprogramme des Landes Hessen sind unter www.energieland.hessen.de/foerderung abrufbar. Förderungen des Bundes finden sich unter: https://www.bafa.de

Besichtigen kann man Passivhäuser an den Tagen der offenen Tür vom 5. bis 7. November 2021. Veranstalter ist das Passivhaus Institut, das auch berät und informiert: https://passiv.de cka

Manchmal müsse etwa an der Belüftungsanlage, die auch als Heizung dient, nachjustiert werden, bis sie einwandfrei laufe, erklärt Kaufmann. Da die Effizienz des Passivhauses weiter erforscht wird, ist sein Haus mit Sensoren versehen, die die Funktionalität überwachen.

Auch Passivhäuser können ganz normal gelüftet werden, wie Berthold kaufmann demonstriert.

Passivhaus: Lüften nicht nötig, aber möglich

Ein oft genanntes Vorurteil lautet, man dürfe oder könne in einem Passivhaus nicht lüften. Stimmt nicht, sagt der Physiker: „Die Fenster können geöffnet werden wie in einem normalen Haus. Im Sommer sind unsere Fenster offen.“ Im Winter bei Bedarf. Lüften sei zwar nicht erforderlich, aber auch nicht verboten. Auch wenn man bei Minusgraden eine halbe Stunde die Fenster öffne, heize sich der Raum danach genauso schnell wieder auf. Das liege an den Oberflächen, die dank der guten Dämmung der Wände nicht so schnell auskühlten. Mit der Entwicklung des ersten Passivhauses wollte Feist, der damals am Institut für Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt tätig war, das Problem des Energieverbrauchs bei den Wurzeln packen, wie er sagt. Denn ein Drittel unseres Verbrauchs gehe für die Heizung drauf. Mit der konsequenten Nutzung von Passivhäusern könnte man also die Erreichung der CO2-Einsparziele enorm vorantreiben.

Dennoch werden jährlich nur ein Prozent der Gebäudeflächen überhaupt energetisch saniert, moniert Michael Hörner, Energieberater des IWU. Dabei mache es wenig Unterschied aus, ob ein Haus nach Passivhausstandard saniert oder gebaut werde oder nach den Standards des Niedrigenergiehauses KfW-40. „Sie sparen ähnlich viel Energie“, sagt Hörner. Ein Niedrigenergiehaus verfügt im Gegensatz zu einem Passivhaus über keine Lüftung mit Wärmerückgewinnung und ist weniger gut gedämmt. Es entspreche aber der Energiesparverordnung.

Klimaschutz: Altbauten müssen saniert werden

Erklärtes Ziel der Stadt Darmstadt ist es, kommunale Neubauten künftig nach KfW-40-Standard mit Passivhauskomponenten zu errichten. Die Krux an der Sache: „Der Klimaschutz wird nicht in den Neubauten entschieden, sondern im Bestand“, sagt Hörner. Jetzt müssten dringend Altbauten klimagerecht saniert werden. Und dies sei auch nach Passivhausstandard möglich. Das Gebäude des IWU in der Rheinstraße sei dafür ein Beispiel: Man habe den Eigentümer, die städtische Bauverein AG, überzeugt, dies umzusetzen. Obwohl der Versuch glückte, sei es leider bei diesem einzigen Beispiel geblieben.

Bauelemente der mit Cellulose und Glasfaser gedämmten Wand und eines Fensters mit Dreifach-Glas.

Diese Thematik beschäftige derzeit auch den Klimaschutzbeirat der Stadt, in dem Hörner Mitglied ist. Zwar ist im aktuellen Koalitionsvertrag von Grünen, CDU und Volt festgeschrieben, bis 2035 klimaneutral zu werden, „aber es müsste mehr geschehen und schneller gehen“, sagt Hörner. „Die Stadtregierung muss jetzt mehr Ambitionen in die Umsetzung fließen lassen.“

Passivhaus: Förderung von Bund und Land

Gerade werde energieeffizientes Bauen und Sanieren von Bund und Land mit bis zu 45 Prozent der Kosten gefördert. „Wer jetzt nicht die Förderungen abruft, verschenkt Geld.“ Denn, da ist Hörner sicher: Die Heizkosten werden wegen der steigenden CO2-Abgaben künftig drastisch steigen, sodass sich die leicht höheren Investitionskosten für ein Passivhaus lohnen würden. Laut Kaufmann muss man mit Mehrkosten von 100 Euro pro Quadratmeter beim Neubau, beziehungsweise 150 Euro pro Quadratmeter bei der Sanierung rechnen. Auch Kaufmann drängt darauf, dass gerade Wohnungsbaugesellschaften in den Passivhausbau einsteigen sollten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare