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Der Eberstädter Geschichtsforscher Erich Kraft erklärt den Aufbau des Grabmals von Clara von Frankenstein.

Darmstadt

Frankensteins Erbe: Bauarbeiter machen historischen Fund

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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In Darmstadt-Eberstadt wird ein 500 Jahre alter Brunnenschacht entdeckt. Reste eines Grabmals befinden sich ganz in der Nähe. Beides führt auf die Spur der Frankensteiner.

Der Bagger grub und plötzlich war da ein Loch“, sagt Peter Löbig. Er gehört zum Team der Bauarbeiter, die gerade in Darmstadt-Eberstadt einen neuen Fußweg anlegen. Beim näheren Betrachten entdeckten die Arbeiter einen alten Mühlstein, der eine Öffnung verschloss. Wie sich herausstellte, ist das Loch tief – an die neun Meter, etwa 1,40 Meter breit. Erich Kraft, Vorsitzender des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein, den eine Anliegerin sofort informierte, dass auf der Baustelle etwas entdeckt worden sei, wendete sich gleich an Ortsvorsteher Ludwig Achenbach und bewirkte einen Baustopp.

Bei dem Fund soll es sich um einen 500 Jahre alten Brunnen aus Frankensteiner Zeit handeln. Es gebe schriftliche Hinweise auf den Brunnen, so Kraft. Er sei noch im 18. Jahrhundert genutzt worden. In den Quellen heißt es laut Geschichtsverein, er habe „lebendiges Wasser zum Trinken und Kochen“ enthalten. Das Bauwerk aus Bruchsteinen sei bautechnisch von hoher Qualität, ist Kraft überzeugt. Monatelang seien schwere Betonmischer, Lastwagen und Bagger darübergefahren, über 100 Jahre habe ein großer Baum mit starken Wurzeln daneben gestanden. Das alles habe dem Mauerwerk nichts anhaben können. Im 19. Jahrhundert sei der Brunnen mit einem Mühlstein verschlossen worden, dann sei seine Lage in Vergessenheit geraten. Das Areal, auf dem die Entdeckung kürzlich gemacht wurde, gehörte früher zu den Wirtschafts- und Kellereiräumen der Familie Frankenstein – den einstigen Herren der Burg Frankenstein oberhalb von Darmstadt-Eberstadt.

Peter Löbig und Dieter Hunz haben den Brunnenschacht bei Bauarbeiten entdeckt. Ist ist die Öffnung mit Platten abgedeckt.

In den Kellern lagerten seit 1497 die Abgaben der Bevölkerung, die man nicht auf die Burg hochbringen wollte, erklärt Kraft. Übrig geblieben von den Gebäuden ist außer einem Keller im Rathaus nur noch das Wohnhaus von Anna von Frankenstein von 1575. Sie war die letzte Herrin von Frankenstein der jüngeren Linie, die über einen Teil des Ortes herrschte. Nach ihr soll der neue Weg übrigens benannt werden, an dem der Brunnen jetzt gefunden wurde.

Wenige Meter entfernt – auf dem Parkplatz eines Eisenwarengeschäfts – hat Kraft bereits im Frühjahr eine Zufallsentdeckung gemacht, wie er berichtet. Zugewachsen mit Efeu und Moos lugte eingelassen in eine Gartenmauer eine vergessene Sandsteintafel hervor. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“, beginnt der gut lesbare Text eines Bibelzitats aus dem Alten Testament. Der obere Teil des Grabmals oder Gedenksteins fehlt. Vermutet wird, dass einst eine große Frauenfigur mit einem langen Rock zu sehen war. „Das war wie ein Kriminalfall“, schildert Kraft. Den entscheidenden Hinweis habe die kleine, teilweise erhaltene Frauengestalt neben dem Text gegeben, die statt Händen Angelhaken hat. Es müsse sich um ein Mitglied der Familie Angelloch handeln. Diese hätten nur ein einziges Mal in die Familie Frankenstein eingeheiratet, so der pensionierte Gymnasiallehrer. Er schließt deshalb daraus, dass der Stein Clara von Frankenstein, geborene Angelloch gewidmet ist, und um 1540 entstand. Warum das Bruchstück an diesem Ort landete, bleibt indes ein Rätsel.

Neun Meter tief soll der Schacht sein.

Was nun aus den Funden werden soll, ist ungewiss. Sicher ist, dass der Brunnen gesichert und weiter untersucht werden soll. Es werde eine Begutachtung durch den Denkmalschutz geben, kündigte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) an. Die Bauarbeiten sollen indes schnell abgeschlossen werden. Deshalb wurde der Schacht provisorisch abgedeckt. Man habe eine Platte bestellt und wolle bereits Leerrohre verlegen, in der elektrische Leitungen für eine spätere Beleuchtung verlegt werden könnten, hieß es von Projektleiter Alexander Lebedev.

In dem 1575 erbauten Wohnhaus lebte Anna von Frankenstein, die letzte Herrin in Eberstadt.

Der Geschichtsverein hat die Einrichtung eines „archäologischen Fensters“ vorgeschlagen, bei dem der Schacht mit einer dicken Glasplatte bedeckt und beleuchtet wird. Eine Hinweistafel könnte die Zusammenhänge erläutern und auf die besonderen historischen Bezüge dieses Ortes hinweisen. „Alles am Anna-von-Frankenstein-Weg passt zusammen“, schwärmt Kraft.

OB Partsch bezeichnete vergangenen Dienstag im Stadtteilforum die Idee des Vereins als „sehr guten Vorschlag“, den man „ernsthaft verfolgen“ wolle.

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