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Darmstadt: Alte Gefängnisschleuse für Preis nominiert

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Von: Claudia Kabel

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Die Jury des hessischen Denkmalschutzpreises begutachtet am 31. Mai 2022 die sanierte Vorstadtmauer in Darmstadt.
Die Jury des hessischen Denkmalschutzpreises begutachtet am 31. Mai 2022 die sanierte Vorstadtmauer in Darmstadt. © Claudia Kabel

Die Jury des hessischen Denkmalschutzpreises reist derzeit durchs Land und begutachtet die vorgeschlagenen Objekte. Ziele sind Darmstadt, Kassel und Fulda.

Es ist ein straffer Zeitplan, den die zwölfköpfige Jury des Hessischen Denkmalschutzpreises hat: Neun historische Objekte sind in die engere Auswahl für die Auszeichnung gekommen und werden nun innerhalb von eineinhalb Tagen begutachtet. 35 Minuten sind am Mittwochmorgen für die Besichtigung der kürzlich von der Technischen Universität (TU) Darmstadt restaurierten alten Vorstadtmauer in Darmstadt eingeplant. Es ist die erste Station, die die Jury unter Vorsitz von Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalschutz, besucht.

Vor Ort berichtet TU-Kanzler Manfred Efinger, wie dieser Teil der Wehranlage aus dem 14. bis 18. Jahrhundert jahrzehntelang in einem „Dornröschenschlaf“ lag, bis man auf die Idee kam, unter den Berg aus Schutt und Müll zu gucken, der hinter einem verschlossenen Tor lag. Der freigelegte Gang soll eine Schleuse des früheren Gefängnisses gewesen sein, das sich auf dem heutigen TU-Gelände in der Rundeturmstraße befand. Die Revolutionäre Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidel waren hier inhaftiert. Weidel starb 1837, „entweder durch Selbstmord oder an der Folter“, sagt Efinger.

Darmstadt: Vergessene Schießscharten freigelegt

Um die historische Relevanz der alten Stadtmauer zu bewahren, nahm sich die TU des Projektes an und setzte sie nicht nur wieder in- stand, sondern öffnete einen lange verborgenen Durchgang für die Öffentlichkeit, der entlang der Erich-Ollenhauer-Promenade von der Innenstadt zum Weltkulturerbe Mathildenhöhe führt.

Bauleiter Christian Reetz vom Planungsbüro Netzplanbau berichtet der Jury von der kniffligen Restaurierung, etwa wie das Fugenmaterial der maroden Mauer Stück für Stück ausgetauscht wurde und im Mauerwerk verbautes Füllmaterial, zum Beispiel alte Biberschwanzziegel, erhalten wurden. Auch vergessene Schießscharten seien freigelegt worden. Die Jurymitglieder interessierten auch Details wie die historische Rezeptur des verwendeten Mörtels oder wie die Mauerkronen gesichert wurden.

Darmstadt: Frühere Preisträger in Jury dabei

Laut Juryvorsitzendem Harzenetter geht es bei der Begutachtung vor Ort unter anderem um die handwerkliche Umsetzung einer Restaurierung und die konzeptuelle Klarheit. Auch das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis spiele eine Rolle. „Hier kann man schon sagen, es ist mit einer beeindruckenden Akribie umgesetzt worden“, so Harzenetter.

Auch Friedrich und Michaela Kruse, denen das Schloss Nesselröden in Herleshausen gehört, das vergangenes Jahr den Denkmalschutzpreis erhielt, zeigten sich vom Darmstädter Vorschlag begeistert. Die Vorjahrespreisträger:innen gehören neben Fachleuten zur Jury. Sie sollen in der Auswahl die Perspektive der Bewerberinnen und Bewerber vertreten. „Der Preis belohnt einen für die viele Mühe“, sagt Michaela Kruse, die mit ihrer Familie das Renaissanceschlösschen an der hessisch-thüringischen Grenze sieben Jahre lang restaurierte. Durch die Auszeichnung werde ein Objekt auch vom Tourismus mehr wahrgenommen.

Preis für Denkmalschutz

Für den Hessischen Denkmalschutzpreis sind dieses Jahr nur 20 statt der sonst üblichen 30 Bewerbungen eingegangen.

Außer der Vorstadtmauer in Darmstadt sind in der engeren Auswahl das Schloss Wächtersbach, die Brücke in Grebenhain–Hartmannshain, die ehemalige fürstliche Schäferei in Fulda-Sickels, das Hallenbad-Ost und der Renthof in Kassel, das Haus Helbig in Alsfeld, das Tagelöhnerhaus in Marburg-Dilschhausen und die Alte Post in Gießen.

Der Jury gehören Vertreter:innen von Denkmalbehörden, Handwerk, Wissenschaftsministerium, Verbänden, Stifterin sowie Vorjahrespreisträger:innen an. Das Landesamt für Denkmalpflege leitet die Jury und führt die Geschäfte.

1986 riefen Lotto Hessen und Landesamt für Denkmalpflege den Preis ins Leben. Dass Lotto und Denkmalschutz eng verbunden sind, gab es schon 1445: Da soll es im flandrischen Sluis zur ersten Lotterie gekommen sein – mit dem Ziel, ein Stadttor zu finanzieren. cka

Neben einer Urkunde winkt den Gewinnern ein Preisgeld, allerdings nur Privatleuten und bürgerschaftlichen Initiativen, wie Lotto Hessen mitteilte. Die Lotteriegesellschaft rief 1986 gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege den Hessischen Denkmalschutzpreis ins Leben. Anlass war die Einführung der Rubbellos-Lotterie, deren Erträge laut Lotto seitdem ausschließlich dem Landesamt für Denkmalpflege zur Verfügung gestellt werden.

Denkmalschutzpreis ist mit 20.000 Euro dotiert

In diesem Jahr wird der mit 20.000 Euro dotierte Preis schon zum 37. Mal vergeben. Seit 2017 gibt es auch einen Ehrenamtspreis als eigene Kategorie, der das gemeinschaftliche Engagement bei der Sanierung eines Kulturdenkmals in den Vordergrund stellt. Dieses Preisgeld von 7500 Euro stellt die Staatskanzlei.

Denkmalschutzpreis: Auch Schloss Wächtersbach ist nominiert

Ob Darmstadt eine Auszeichnung erhält, ist völlig offen. Immerhin wurde es von den 20 eingereichten Vorschlägen in die engere Auswahl genommen. Denn zuerst werden alle Vorschläge nach Aktenlage am Schreibtisch geprüft, sagt Harzenetter. Auch stehe noch nicht fest, wie viele Auszeichnungen vergeben werden. Hierüber entscheidet die Jury am Mittwochnachmittag in ihrer Abschlussrunde. Bis dahin liegen noch einige Besichtigungen vor ihr. Unter anderem das Schloss Wächtersbach und die ehemalige fürstliche Schäferei in Fulda-Sickels. Für Darmstadt wäre es nicht der erste Denkmalschutzpreis: Erst vergangenes Jahr wurde der vom Verein Zusammen in der Postsiedlung restaurierte Kiosk in der Moltkestraße ausgezeichnet; ein Jahr zuvor der Darmstädter Bauverein für die Sanierung der Mietshäuser im Spessart- und Rhönring.

Die Preisverleihung findet am Donnerstag, 21. Juli, im Wiesbadener Schloss Biebrich statt.

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