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Damit ein „Nein“ Bedeutung hat

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Gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt setzen sich mittlerweile viele Frauen zur Wehr.
Gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt setzen sich mittlerweile viele Frauen zur Wehr. © dpa

Die Organisationen Wildwasser und Pro Familia fordern eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Ein "Nein" müsse Bedeutung haben.

Sexuelle Übergriffe auf Frauen sind kein neues Phänomen und vor allem keines, das nur an Asylbewerbern festzumachen ist. Das bestätigen Darmstädter Organisationen, die sich um Opfer sexueller Gewalt kümmern.

„Die geplanten Neuerungen finde ich sehr gut“, kommentiert Karin Bernet, Fachleiterin für Prävention beim Darmstädter Verein Wildwasser, die geplanten Änderungen im Sexualstrafrecht. Wildwasser kümmert sich um Mädchen und Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Insofern ist es für Bernet ein großer Fortschritt, dass künftig das „Nein“ einer Frau ausreichen soll, um deutlich zu machen, dass sie keine sexuellen Handlungen duldet. „Es kann nicht sein, dass sich eine Frau erst wehren muss“, sagt Bernet. Doch genau das legt das Strafgesetzbuch bis heute als Hürde fest, wenn es um die Strafbarkeit geht.

Auch, dass das Grapschen laut dem Eckpunktepapier der Bundestagsfraktionen von CDU und SPD, das der Redaktion vorliegt, unter Strafe gestellt wird, nimmt Bernet als „weiteren positiven Schritt wahr, um Frauen zu schützen“. Die Mitarbeiterin von Wildwasser betont aber auch, dass sexualisierte Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, das nicht erst durch Flüchtlinge aufgetaucht ist. „Jede siebte Frau hat eine schwere Form der sexualisierten Gewalt erlebt“, sagt Bernet. Übergriffe in der Öffentlichkeit, vor allen bei Massenveranstaltungen oder auch in Bussen habe es schon immer gegeben. Das sei nur ein Teil des Problems. „Der Großteil der sexualisierten Gewalt findet im Nahbereich statt, ohne dass es bekannt wird.“

Angrapschen als Kavaliersdelikt

Auch Marika Eidmann von Pro Familia in Darmstadt sieht sexuelle Übergriffe nicht als Phänomen, das nur von ausländischen Männern ausgeht. Immer noch werde das Angrapschen von Frauen mehr als Kavaliersdelikt denn als sexuelle Grenzüberschreitung wahrgenommen. Neu sei aber tatsächlich, dass sich zunächst an Silvester in Köln und nun auch auf dem Schlossgrabenfest in Darmstadt zeigte, dass sich eine Gruppe von Männern verabredet habe, um Frauen sexuell anzugreifen. Daher fordert auch Eidmann ein überarbeitetes Sexualstrafrecht, das das Grapschen zur Straftat erklärt. Dadurch hätten Frauen mehr Möglichkeiten, sich juristisch zu wehren.

Pro Familia schult Kollegen, die es mit traumatisierten Flüchtlingen zu tun haben. So hörten die Mitarbeiter immer wieder von sexuellen Übergriffen auf Frauen – vor allem auf der Flucht. Auch in Flüchtlingsunterkünften gebe es Versuche von Übergriffen. Die Frauen in den Flüchtlingsheimen, die Opfer dieser Übergriffe würden, machten das aber nicht immer deutlich. Daher lernten die Flüchtlinge, dass die Polizei in Deutschland ein Unterstützungssystem sei, an das sie sich wenden könnten. „Die Stadt hat sehr viel getan und sehr gut reagiert“, meint Eidmann. Trotzdem arbeiteten viele Helfer an der Grenze der Belastbarkeit, und bei der Menge an Menschen erreiche man nicht alle. Um Frauen zu schützen, gebe es Rückzugsmöglichkeiten: Abgegrenzte Räume oder Stockwerke, auch die Security werde besonders geschult.

Christine Omasreiter, Leiterin der Darmstädter Frauenhäuser, beklagt die derzeitige Schutzlücke im Sexualstrafrecht. Erst wenn die sexuelle Belästigung „erheblich genug“ sei, werde sie bestraft. Für Omasreiter ein Beleg dafür, wie tief Sexismus in der Gesellschaft verankert ist. (ers)

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