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CSD in Darmstadt: Für Toleranz und Sensibilität

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Von: May-Britt Winkler

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Farbenfroh und ausgelassen ging es beim CSD zu.
Farbenfroh und ausgelassen ging es beim CSD zu. © Michael Schick

Beim Christopher Street Day ziehen mehr als 2000 Menschen durch die Stadt. Diskriminierung ist immer noch ein großes Problem.

Die Sonne strahlte über dem Darmstädter Christopher Street Day (CSD) am vergangenen Samstag, als wolle sie die Farben der Regenbogenflaggen und der bunten Kostümierungen so richtig zum Leuchten bringen. Sichtbar werden, das ist stets das Ziel der Veranstalter bei einem CSD, denn noch immer gibt es queerfeindliche Beschimpfungen, noch immer verlieren Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung ihren Job, noch immer schauen Passant:innen verständnislos, wenn ein homosexuelles Paar knutschend durch die Fußgängerzone läuft, noch immer werden Kinder von ihren Eltern verstoßen, wenn sie sich outen, und noch immer werden homophobe Menschen aggressiv, wenn sie homosexuelle oder Transpersonen sehen, die nicht in ihr erlerntes Geschlechterschema passen.

„Diskriminierungen gehören für Menschen der LGBTIQ-Community leider zur Lebensrealität. Kaum ein Schulhof, auf dem nicht das Wort „schwul“ benutzt wird, um jemanden schlechtzumachen. Arbeitsorte, an denen die lesbische Partnerin verschwiegen werden muss, und leider immer noch ein Transsexuellen-Gesetz, unter dem viel zu viele Generationen von Transpersonen gelitten haben“, beklagt Alexander Arnold vom queeren Verein „Vielbunt e.V.“ bei seiner Auftaktrede vor dem CSD-Publikum auf dem Karolinenplatz.

Dieses besagte Gesetz erlaubt Namens- und Geschlechtsänderungen nur nach einem für transidente und transsexuelle Personen oft demütigendem Verfahren mit Fragen zu intimsten persönlichen Themen. Christian März von „Vielbunt e.V.“, Organisator des Darmstädter CSD, hofft auf die Abschaffung dieser über 40 Jahre alten Paragrafen, und auch die Demonstranten des CSD wurden an diesem Tag nicht müde, diese zu fordern.

Doch findet Diskriminierung in unzähligen weiteren Bereichen statt. Bereits junge Menschen machen leidvolle Erfahrungen, manche sogar schon in früher Kindheit im Kindergarten, wo Transidentität häufig bereits eine Thematik ist, Erzieherinnen aber wenig geschult sind. Spätestens in der Pubertät kollidieren queere Einstellungen oft mit den Bildern von Männlichkeit, allerdings sind Hass und Häme geschlechterübergreifend. „Trans wird derzeit am meisten von feministischen Gruppen abgelehnt, den sogenannten TERFs (Trans Exclusionary Radical Feminists)“, sagt März. „Die sagen, sie haben so lange für ihre Rechte als Frauen gekämpft. Und nun kommen Männer, die so tun als wären sie Frauen, und nehmen uns das weg, was wir uns erkämpft haben.“ Es ist also noch ein langer Weg, aber der CSD soll ihn etwas ebnen, aufmerksam machen.

März wünscht sich beispielsweise, dass queerfeindliche Übergriffe endlich auch in der hessischen Kriminalstatistik erfasst werden. Emil Koch, einer der Redner, hat Anfang 2022 eine solche Attacke vor der Centralstation erlebt. Sie begann mit „Scheißschwuchteln“-Rufen und endete mit Fäusten im Gesicht. Er wünscht sich mehr Toleranz und auch Sensibilität: „Wenn deine Mutter sagt: Zieh dir doch bei Oma mal etwas Weiblicheres an, dann ist das diskriminierend. Wenn jemand sagt: Asexualität gibt es nicht; du brauchst einfach mal wen Richtigen im Bett, ist das Diskriminierung. Wenn man zu einem nicht-binären Menschen sagt: Es gibt nur Männer und Frauen, ist das Diskriminierung.“

Diese Erniedrigung gibt es weltweit und Christian März ist sehr froh, den CSD in Darmstadt organisieren zu dürfen und nicht etwa in Städten in Polen oder Ungarn. In Saudi-Arabien oder Russland gar wäre es völlig unmöglich, für seine Rechte als queere Person auf die Straße zu gehen. „Die Menschen in Darmstadt sind unheimlich tolerant, und unser Bürgermeister Jochen Partsch hat uns immer unterstützt. Wir haben inzwischen unser queeres Zentrum, und damit können wir vielen betroffenen Menschen sehr niedrigschwellig helfen.“

So wächst der Mut, trotz aller Widrigkeiten, sich zu outen und für die Rechte von LGBTIQ auf die Straße zu gehen. In Darmstadt waren es am Samstag über 2000. Begleitet von neugierigen Passant:innen zogen die fröhlich Demonstrierenden in ausgefallenen Kostümen, mit ausgelassenen „Happy Pride“-Rufen und als Liebende jenseits des Mainstreams durch die Innenstadt. Manch ältere Person schüttelte etwas pikiert den Kopf. Alte konservative Werte stünden dem Verständnis für Freizügigkeit und offen gelebte Homosexualität oft im Wege, glaubt März. Ebenso religiöse Vorbehalte.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die ohnehin gegen alles sind, seien es Schwule, Corona oder die Demokratie im Allgemeinen. Aber die wird man mit einem CSD auch nicht umstimmen können. Jedenfalls schien es an diesem Tag egal, ob man hetero-, homo-, bi- oder asexuell ist, denn das große Gefühl Liebe war überall sichtbar. Und mit Liebe – so hat es ja auch schon Buddha formuliert – kann man Hass schließlich am besten bekämpfen.

Auch Oberbürgermeister Jochen Partsch zog mit.
Auch Oberbürgermeister Jochen Partsch zog mit. © Michael Schick

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