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Zu nah am Chemiebetrieb

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Zwischen HSE-Gasturbine und Carl-Schenck-Ring wäre theoretisch Platz für den Neubau.
Zwischen HSE-Gasturbine und Carl-Schenck-Ring wäre theoretisch Platz für den Neubau. © Claus Völker

Der neue Stadtkämmerer Schellenberg hat einen Rathausneubau auf der Knell ins Gespräch. Doch der scheint kaum möglich wegen hoher Sicherheitsauflagen.

Ein Umzug des Darmstädter Rathauses auf die Knell, den der neue Stadtkämmerer André Schellenberg (CDU) angekündigt hat, scheitert nahezu mit Sicherheit an der von der Europäischen Union geforderten Sicherheitszone um den Chemie- und Pharmakonzern Merck. Das ergibt ein Abgleich mit einem Gutachten des TÜV Nord, auf dessen Grundlage sich Stadt und Unternehmen vor fünf Jahren über verbindliche Abstandsflächen geeinigt haben.

Schellenberg hatte am 8. Juli als Ergebnis einer Haushaltsklausur das Ziel des grün-schwarzen Magistrats verkündet, die über die Stadt verstreuten städtischen Ämter in einem zentralen Behördenhaus auf der Knell zu konzentrieren. Dadurch ließen sich Mietzahlungen reduzieren und die Effizienz der Verwaltung steigern.

Das insgesamt knapp 150?000 Quadratmeter große Knell-Gelände, Standort des früheren Ausbesserungswerks der Bundesbahn, hatte die Stadt 2002 und 2004 gekauft. Schon der ursprüngliche Plan, den Messplatz dorthin zu verlegen, scheiterte an der Seveso-II-Richtlinie der EU. Daraufhin wurde die Knell abschnittsweise als Gewerbefläche verkauft. Die größten Areale sicherten sich die Heag Südhessische Energie AG (HSE) und der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft (EAD).

Lediglich knapp 38?500 Quadratmeter sind heute noch im Besitz der Stadt. Es handelt sich um ein 9287 Meter großes Geviert an der Südspitze – zwischen Müllverbrennung, HSE-Gelände und Tegut-Markt – und ein 29?252 Quadratmeter großes Areal im Nordosten zwischen HSE-Verwaltung und Carl-Schenck-Ring.

Diese Flächen kämen als Standorte für das Rathaus in Frage. Das Gelände im Süden dürfte jedoch für ein Verwaltungszentrum mit mehreren Tausend Beschäftigten deutlich zu klein sein. Bleibt das Areal im Nordosten, das jedoch voll in die Seveso-Schutzzone fällt. Der TÜV Nord hatte in seinem Gutachten von 2006 den Bau von Bürogebäuden in diesem Gebiet zwar nicht kategorisch ausgeschlossen, diese jedoch an strenge Auflagen geknüpft.

Mit Blick auf das Abstandsgebot zu Merck war bereits die HSE-Zentrale in der Planung nach Süden verschoben worden. In seiner Bewertung erklärte der TÜV, das Gebäude liege fast vollständig außerhalb der Schutzzone, größerer Publikumsverkehr sei nicht zu erwarten, daher gebe es keine nennenswerten Konfliktsituation.

Partsch gibt sich gelassen

Die Bewertung für ein Verwaltungszentrum innerhalb der Schutzzone, mit zwangsläufig umfangreichem Publikumsverkehr, müsste dementsprechend kritisch ausfallen. Derartige konkrete Pläne waren dem TÜV nicht bekannt, doch sah er für eine Nutzung als Bürofläche mit starker Kundenfrequenz einen Konfliktfall mit der Seveso-Richtlinie gegeben. Als Auflagen werden genannt: eine im Gefahrenfall komplett abschaltbare Lüftungsanlage, Alarmierungsmöglichkeiten für Innen und Außen, Schulung der Mitarbeiter – auch in der Betreuung von Besuchern – und Kontakt zum Merck-Warnsystem.

Ein Rathausbetrieb unter solchen Voraussetzungen erscheint kaum vorstellbar. Zudem hatte die Stadt sich mit Merck 2006 verständigt, sich streng an die Vorgaben zu halten, um das Unternehmen nicht in seinen Entwicklungsmöglichkeiten zu behindern. Merck hatte zuvor laut über eine Verlagerung von Investitionen aus Darmstadt nachgedacht. „Wir haben jetzt Planungssicherheit“, hatte der damalige Merck-Chef Michael Römer nach der Einigung erleichtert erklärt.

Das Unternehmen teilte gestern mit, man wolle die Debatte um einen Rathaus-Umzug nicht kommentieren. Merck sei von der Stadt nicht angesprochen worden und habe von dem Plan aus der Presse erfahren.

Als absurd hatte der Darmstädter FDP-Vorsitzende Leif Blum die Umzugspläne verspottet und auf die Seveso-Richtlinie verwiesen. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) erklärte am Mittwoch, man habe sich beim Rathaus gegen ein repräsentatives bestehendes Gebäude und für einen funktionalen Neubau entschieden. Die Knell sei nur ein möglicher Standort. Wenn dort wegen Seveso nicht gebaut werden könne, müsse man sich andernorts umsehen. Der Kämmerer ist im Urlaub.( bad)

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