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Chemie auf dem Spargel

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Unterm Kunststoffdach  wächst das Gemüse schneller.
Unterm Kunststoffdach wächst das Gemüse schneller. © Jockel

Viele Landwirte nutzen Abdeckfolien, damit der Spargel schneller wächst. Einige Kollegen aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg warnen allerdings vor Weichmachern im Plastik

Vielerorts verschwinden in diesen Wochen die Äcker der Landwirte unter langen Folien. Rings um Griesheim, Weiterstadt und Pfungstadt, aber auch bei Dieburg und Groß-Umstadt sprießen darunter die Spargelstangen. Die Folie fängt die ersten Sonnenstrahlen des Frühjahrs ein, hält die kalte Nachtluft fern und den Boden feucht. Ein Mini-Treibhauseffekt, weshalb landauf landab das Erdreich unter wallendem Kunststoff verschwindet.

„Aber zu welchem Preis?“, fragt die junge Landwirtin Tanja Schupp aus Griesheim. „Wir sind zwei, drei Wochen später, weil wir ohne Folien anbauen. Und so lange verzichten die meisten unserer Kunden eben auf den ersten Spargelkauf“, sagt Schupp. Zum einen sei die Agrarfolie alles andere als ein schöner Anblick. Und außerdem enthalte sie umstrittene Weichmacher.

„Durch die Hitze der Sonneneinstrahlung gasen Weichmacher aus und werden durch Regen ausgewaschen“, heißt es auch in etlichen besorgten Beiträgen im Internet. Da stelle sich die Frage, ob es gesundheitliche Gefahren beim Verzehr wert ist, dass der Spargel auf diese Art zwei, drei Wochen früher zu ernten ist.

„Ich halte das für absoluten Quatsch“, entgegnet Spargelbauer Rolf Meinhardt vom Tannenhof in Weiterstadt. Der erfahrene Landwirt kenne sich aus mit dem Thema, heißt es in seinem Kollegenkreis. „Die Folien sind UV-beständig. Wir haben sie bis zu acht Jahre in Benutzung, sie kommen im Frühjahr drauf und im Sommer wieder runter. Wenn da Gase entweichen, dann gehen sie in die Luft, nicht in den Boden.“

Jeder zertifizierte Spargelbetrieb lasse seine Ware untersuchen. „Das kostet 400 Euro, es wird auf 350 Stoffe untersucht, und da ist nichts gefunden worden“, sagt Meinhardt. Ein Hektar Folie koste 2500 Euro, „deshalb behandeln wir sie ja auch so pfleglich.“ Seit kurzem gebe es auch kompostierbare Folie; die käme über die Jahre aber noch teurer. „Und wenn ich manchen Spargelacker entlang von Autobahnen sehe, bin ich sogar froh, dass es dort Folien gibt“, merkt der Landwirt an.

Auf viele Inhaltsstoffe würden unsere Lebensmittel kontrolliert; nicht aber auf Rückstände von Weichmachern, heißt es bei der Kreis-Pressestelle für das Gesundheitsamt. „Das ist kein Untersuchungskriterium“. Dies zu ändern, wäre Sache des Hessischen Verbraucherschutzministeriums in Wiesbaden. Dieses wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Stoffe können ausdünsten

Rasche Auskunft hingegen gibt es vom europaweit tätigen Öko-Institut mit Zentrale in Freiburg. Viele der eingesetzten Folien enthielten Weichmacher, die zur Gruppe der Phthalate gehören, heißt es von dort. Einige könnten die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen beeinträchtigen und ein Kind im Mutterleib schädigen. Ihr Einsatz sei zurückgegangen. Stattdessen würden nun andere Phthalate eingesetzt, die bislang als unbedenklich eingestuft gelten.

Da Weichmacher chemisch nicht fest gebunden seien, könnten sie im Laufe der Zeit ausdünsten, auswaschen oder auch durch Abrieb aus der Folie entweichen und in Boden, Wasser, Luft gelangen. Bisherige Studien hätten gezeigt, dass die Aufnahme von Phthalaten aus dem Boden über die Wurzel wohl nur in einem sehr geringen Ausmaß erfolgt. Das Umweltbundesamt empfehle jedoch, nur weichmacherfreie Kunststoffe auf dem Acker einzusetzen.

„Diese Folienwirtschaft ist schon allein dadurch furchtbar, dass sie die Landschaft verschandelt“, sagt Bio-Großbauer und Öko-Aktivist Felix Prinz zu Löwenstein aus Habitzheim. „Hinzu kommt, dass die Folien für den typischen sinnlosen Wettlauf in vielen Bereichen steht: Irgendwann hat einer damit angefangen. Und wer nun darauf verzichtet, kommt zu spät auf den Markt.“ ( piz)

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