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Morgens Mathe studieren, mittags backen: Michelle Luckas hatte im Café zum ersten Mal Kontakt zu Menschen mit Behinderung.

Darmstadt

Chance auf Annäherung

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Von Trauercafé bis inklusive Band: Im Café Zwischenraum verbringen Menschen mit und ohne Handicap ihre Freizeit.

Mich wollten sie in eine Behindertenwerkstatt stecken, aber ich habe mich gewehrt“, sagt Angelika Gierch. Die 47-Jährige ist geistig behindert – hat „die volle Punktzahl“, wie sie sagt, aber sie suche sich am liebsten selbst ihre Refugien. Eines davon ist das inklusive Café Zwischenraum in Darmstadt. Im Schnitt kommen 25 Besucher, sagt Elke Hitzel, die das Projekt „Zwischenräume“ gemeinsam mit Marion Zepp 2010 auf die Beine gestellt hat. Finanziert wird es über Davin, Stiftung für ein inklusives Darmstadt, Träger ist Betreutes Wohnen Darmstadt.

Gierch schätzt die Kunstkurse: „Hier kann ich freier malen, als bei der VHS.“ Zwischenräume hat es sich zum Ziel gesetzt, Inklusion im Freizeitbereich voranzutreiben. Alle Kurse und Seminare, die zusätzlich zum Café angeboten werden, sind für Menschen mit und ohne Handikap gedacht. „Unser Fokus ist, hier einen Ort zu schaffen, an dem Menschen schrittweise aufeinanderzugehen können“, sagt Hitzel. Und das bei bezahlbaren Preisen, denn wer in der Werkstatt arbeite, könne sich keinen Kaffee für 3,50 Euro leisten. Die günstigen Preise sprechen auch die Studenten und Lehrkräfte der benachbarten Hochschule an.

Zusätzlich zu den pädagogischen Fachkräften und Praktikanten helfen Ehrenamtliche. Da ist zum Beispiel Michelle Luckas. Die 21-Jährige studiert Mathematik, jetzt backt sie jede Woche für das Café Kuchen und Muffins. „Ich wollte mich engagieren und stieß im Internet auf Zwischenräume“, erzählt sie. Mit Behinderten hatte sie zuvor nie zu tun.

Man merkt, dass eine Atmosphäre auf Augenhöhe herrscht. Gerade zeigen sich Angelika Gierch und Natascha Deml Handybilder. Deml ist 21, studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt und macht derzeit ein Praktikum bei Zwischenräume. Überraschenderweise haben beide viel gemeinsam: Beide fertigen Zentangle an, das sind feinste Ornamentzeichnungen, schreiben Gedichte, fotografieren und malen gerne. Eben haben sie zusammen ein Logo für ein neues Angebot entworfen: einen inklusiven Spielabend, den Zwischenräume in Kooperation mit der Fachschaft organisieren will.

Kurz zuvor hat sich Horst Unbehau mit an den Tisch gesellt. Er ist einer der ältesten Stammgäste, war lange Zeit obdachlos und hat ein Faible für Details.Warum er hierher komme? „Hier kann man unter Leute gehen und seit neuestem Darts spielen“, sagt er und rechnet vor, dass er heute 50 Jahre und 47 Tage alt ist. Er schwärmt von Grillabenden auf der Terrasse, den montäglichen Musikabenden mit der inklusiven Band „Lost Bewos“, Flohmärkten, gemeinsamen Ausflügen und dem monatlichen Nähcafé, bei dem er für drei Euro seine T-Shirts verlängert bekam.

Hier im Café hat er auch seine Lebensgefährtin kennengelernt, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. „Es gibt Menschen, die wollen nicht mit Behinderten zusammensein“, sagt sie. Liebe und Flirt sind Bereiche, in denen manche Gäste Unterstützung brauchten, erklärt Hitzel. Menschen mit Behinderungen hätten sonst keine Gelegenheit sich zu erproben, Annäherungsversuche fielen manchmal plump aus, oder es komme zu Eifersüchteleien. „Dann gehen wir zusammen im Internet auch auf Kontaktbörsen für Menschen mit Behinderung“, sagt Hitzel. Genau wie Behinderung und Sex ein gesellschaftliches Tabuthema sei, dem sich Zwischenräume auch mit dem Kochkurs „Flirt am Herd“ widmet, ist das inklusive Trauercafé ein Angebot, das es laut Hitzel sonst nicht gibt. „Hier machen wir Biografie-Arbeit“, sagt sie. Behinderten werde Trauer oft abgesprochen, oder sie werde nicht wahrgenommen. Das liegt ihrer Ansicht nach an der Unfähigkeit der Gesellschaft, sich damit auseinanderzusetzen.

Doch obwohl die Angebote von Zwischenräume ihresgleichen suchen, „kriegen wir die Kurse gar nicht voll“, bedauert Hitzel. Das Problem sei, dass viele Behinderte oft nicht aus ihren Einrichtungen herauskämen oder dass ihnen dafür die Mittel fehlten. Mit geistiger Behinderung habe man nur wenig Möglichkeiten, sich etwas hinzuzuverdienen. Und die Einrichtungen initiierten selbst Bildungsangebote. Dabei, betont Hitzel, blieben die Behinderten allerdings unter sich.

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