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Die Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt.

Darmstadt

Schüler über 33 Jahre missbraucht

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An der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt hat ein Lehrer jahrzehntelang Kinder missbraucht. Gutachter ermitteln 35 Betroffene - doch die Zahl der Opfer liegt wohl weitaus höher.

Der massenhafte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule hätte schon früh gestoppt werden können, wenn Lehrer, die Schulleitung und die Staatsanwaltschaft den Hinweisen angemessen nachgegangen wären. Zu diesem Schluss kommen die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann in ihrem Bericht zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, den sie am Donnerstag im Kultusministerium vorstellten.

Der Lehrer Erich Buß, Jahrgang 1928, hatte nach ihren Erkenntnissen an der Grund- und Hauptschule „von 1961 bis 1994 und in Einzelfällen sogar darüber hinaus“ männliche Kinder und Jugendliche missbraucht. Meistens lockte er die Jungen nachmittags zu sich nach Hause. Manchmal verging er sich auch an der Schule an ihnen, in der Umkleidekabine nach dem Sport oder am Lehrerpult nach dem Unterricht. Er zwang sie, teilweise mit Gewalt, zu Oral- oder Analverkehr und anderen sexuellen Aktivitäten.

Wie viele Opfer es gab, wissen die Juristinnen nicht, die von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) mit der Aufarbeitung beauftragt worden waren. Sie konnten 35 Betroffene ermitteln. Die Zahl der Opfer liege aber weitaus höher, stellten sie fest. Buß habe sich „oft täglich“ an Schülern vergangen, und das über einen Zeitraum von mindestens 33 Jahren. Die Opfer-Gruppierung „Das Schweigen brechen“ spricht von „weit mehr als 100 Kindern“.

Kultusstaatssekretär Manuel Lösel (CDU) entschuldigte sich im Namen des Landes bei den Betroffenen. Das Ministerium übernehme „die institutionelle und moralische Verantwortung für das, was an Versäumnissen seitens der Institution Schule geschehen“ sei, sagte Lösel. Hessen zahle 10 000 Euro als „symbolisches Schmerzensgeld“ an jeden Betroffenen. Zudem sollten angehende Lehrer in ihrer Ausbildung geschult werden, Signale besser zu erkennen.

„Staatsanwaltschaft versagte“

An der Elly-Heuss-Knapp-Schule waren die Pädagogen einschließlich der langjährigen Schulleiterin Helga Hager Hinweisen nicht entschlossen nachgegangen, wie Burgsmüller und Tilmann feststellten. Hager sei dabei eine „Schlüsselfunktion“ zugekommen.

Schwere Vorwürfe erhoben die Juristinnen gegen die Darmstädter Staatsanwaltschaft. Sie habe „gänzlich versagt“. In mehreren Ermittlungsverfahren gegen Buß sei sie ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Schon 1973 habe es in einem Diebstahlsverfahren gegen Buß Hinweise auf den Missbrauch gegeben, die von den Ermittlern nicht weiter verfolgt worden seien. Den Kindern habe man nicht geglaubt oder sie seien gar nicht erst angehört worden.

Die Pressekonferenz endete mit einem bewegenden Moment. Ein Betroffener, der in den hinteren Reihen zugehört hatte, stand auf und sagte: „Für mich bedeutet es sehr viel, diese Entschuldigung des Ministeriums.“ Der 54-jährige Mann, der in den Medien unter dem Pseudonym Robert Collister auftritt, war in den 70er Jahren Schüler an der Grund- und Hauptschule gewesen und wurde dort zum Opfer von Erich Buß.

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