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In dieser Passage lag ein erkrankter Obdachloser drei Tage lang ohne Hilfe.

Darmstadt

Obdachloser ohne nötige Hilfe

Einem Ladenbesitzer ist ein Obdachloser aufgefallen, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Er verständigt das Ordnungsamt, aber tagelang geschah nichts.

Am Dienstag fiel Martin Fohler der Mann schräg gegenüber seiner Weinbar das erste Mal auf. „Wie auf einer Müllkippe“ habe er dort in der Passage zum Stadtkirchplatz gelegen. Abgemagert sei er gewesen, sagt Fohler, und wenn er mal aufstand, dann konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Der Barbesitzer hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und rief bei der Polizei an.

Dort habe er jedoch die Auskunft erhalten, dass, sofern der Mann nicht randaliere oder sonst irgendeine Gefahr für sich selbst oder andere darstelle und die Kommunalpolizei noch im Dienst sei, diese für solche Fälle zuständig sei. Also versuchte es der Geschäftsmann auf dem Ordnungsamt. „Erstmal habe ich niemanden erreicht. Und als dann jemand ranging, wurde mir versichert, man habe es notiert und es kümmere sich jemand drum.“

Doch genau das, sagt Fohler, sei nicht passiert. Am nächsten Tag war der Obdachlose immer noch da, in genauso schlechtem Zustand. „Also rief ich wieder bei der Kommunalpolizei an.“ Fünf bis sechs mal tat er das bis zum Donnerstag seiner Aussage nach. Nichts sei passiert. Erst am späten Donnerstagnachmittag holte ein Rettungswagen den Mann ab, nachdem eine Streife der Polizei vorbeigefahren war.

Recht auf Selbstbestimmung

Das bestätigt auf Nachfrage auch Ferdinand Derigs, Sprecher des Polizeipräsidiums Südhessen. Die Beamten hätten den offenbar betrunkenen Mann als „medizinischen Notfall“ eingestuft und blieben vor Ort, bis der Arzt eintraf.

„Obdachlosigkeit an sich ist ja keine Straftat, und auch Betteln ist nicht verboten“, verdeutlicht Derigs die generelle Problematik. Darum sei nicht jeder Obdachlose in der Fußgängerzone automatisch ein Fall für die Polizei. Anders verhalte es sich natürlich, wenn die Person etwa anfange, Scheiben einzuschlagen – dann könne sie in Gewahrsam genommen werden. Oder wenn es sich ganz offensichtlich um einen medizinischen Notfall handelt.

Einfach nur ein „da liegt ein Obdachloser vor meiner Tür“ reiche nicht aus, um die Polizei auf den Plan zu rufen. Gleichwohl sei solch ein medizinischer Notfall bei Menschen, die auf der Straße leben, häufig schwer einzuschätzen, gesteht Derigs ein. Schläft da jemand einfach nur seinen Rausch aus oder ist er vor Hunger in Ohnmacht gefallen? Klar dürfte aber wohl sein: Besser ein Anruf zu viel als einer zu wenig, wenn es um ein Menschenleben geht. Genau das hat sich eben auch Weinbar-Besitzer Martin Fohler gedacht. Und darum ärgert er sich darüber, dass es drei Tage dauerte, bis dem Obdachlosen in der Passage zur Piazza endlich geholfen wurde.

Mitarbeiter haben sehr viel um die Ohren

Bürgermeister Rafael Reißer (CDU), als Ordnungsdezernent auch für die Kommunalpolizei verantwortlich, sagte, in dem konkreten Fall könne er rückwirkend nicht mehr nachvollziehen, warum es so lange dauerte, bis dem Mann geholfen wurde. „Die Mitarbeiter haben sehr viel um die Ohren“, sagte er. „Aber ich kann versichern, dass jeder Anruf sehr ernst genommen wird.“

Es gebe kein standardisiertes Verfahren, wie mit Wohnsitzlosen im öffentlichen Raum umgegangen wird, erläuterte Reißer weiter. „Fest steht: Jeder hat ein Recht auf Selbstbestimmung.“ Darum könne man niemandem verbieten, sich zu betrinken.

Alles richtig gemacht hat Martin Fohler jedenfalls auch aus Sicht von Rafael Reißer. Bei Verdacht auf einen akuten medizinischen Notfall könne auch sofort der Rettungsdienst verständigt werden. Unabhängig von behördlichen Zuständigkeiten. (mmi)

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