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HaJo, Marcel und Uwe (v.l.) haben die Sucht besiegt und wollen anderen dabei helfen.

Darmstadt

Wege aus der Sucht

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Caritasverband will Projekt mit Lotsen ausweiten.

Wenn ich morgens wach geworden bin, hab’ ich erst mal einen Schluck Bier getrunken. Der blieb aber nicht drin. Ich spuckte aus, trank wieder. Manchmal brauchte ich eine halbe Stunde für eine Flasche Bier. Dann kam die Wirkung und ich fuhr zur Arbeit.“ HaJo ist 70 und seit 38 Jahren trocken. Er ist ein Suchtlotse der ersten Stunde, die ehrenamtlich beim Lotsennetzwerk Rhein-Main mitarbeiten. Als suchterfahrene Menschen begleiten und unterstützen die Lotsen andere Suchtkranke oder deren Angehörige auf dem Weg aus der Abhängigkeit.

HaJo weiß, wie es ist, wenn man in die Sucht „abgerutscht“ ist und man sich nicht eingestehen will, dass man abhängig ist. Bei ihm sei es aus Gewohnheit geschehen und keiner habe etwas dagegen gesagt. „Jeder hat das gedeckt“, erinnert er sich.

Eingerichtet wurde das Angebot vom Caritasverband Darmstadt 2015 nach Vorbild des Lotsennetzwerks in Brandenburg und Thüringen. Jetzt haben der hessische Sozialminister Kai Klose (Grüne) und seine rheinlandpfälzische Amtskollegin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) die Schirmherrschaft für das Bistum- umfassende Projekt übernommen. Caritas-Projektkoordinatorin Christine Müller hofft, dass nun auch die Finanzierung auf ein sicheres Fundament gestellt wird, indem das Projekt fester Bestandteil der Suchthilfe wird. Für drei Jahre wurde das Projekt von der Aktion Mensch gefördert, nun trägt die Caritas die Kosten. Doch andere Finanzierungsmöglichkeiten müssten nun gesucht werden, teilte die Caritas mit.

Bisher haben sich 65 ehemalige Alkohol- und Drogenabhängige zu Suchtlotsen ausbilden lassen. Auch der 26 Jahre alte Marcel ist einer von ihnen. „Ich möchte Menschen helfen, zu erkennen, dass sie ihre Probleme anders lösen können, als Substanzen zu nehmen“, sagt er.

Glocke aus Geborgenheit

Marcel probierte mit 14 Jahren erstmals Cannabis, bald war er über mehrere Jahre „dauerbekifft“. Seine Eltern hätten das geduldet, nur der Opa habe ihm Druck gemacht, erzählt er. Jetzt ist Marcel seit sieben Jahren clean. Er habe gelernt, mit Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen ohne sich in die „Glocke aus Geborgenheit zu flüchten“, die das Haschisch ihm bot.

Marcel hat gerade seine Lotsenschulung abgeschlossen, hat aber bisher noch niemanden begleitet. Er soll in Riedstadt bei jüngeren Suchtkranken eingesetzt werden, sagt Müller. Dort arbeitet das Netzwerk mit dem Vitos Klinikum Riedstadt für psychische Erkrankungen zusammen. Sie ist neben dem Klinikum Darmstadt und dem GPR Klinikum Rüsselsheim eine von insgesamt sechs Kliniken, mit denen die Caritas bisher kooperiert, um suchtauffällige Patienten aufzufangen. Ein großes Ziel sei, mehr Kliniken mit ins Boot zu nehmen, um die Chance zur frühzeitigen Behandlung zu nutzen, so Müller.

„In Allgemeinkrankenhäusern werden Menschen mit einer Zweitdiagnose Sucht aufgrund fehlender Ressourcen häufig nicht auf die Problematik angesprochen und ins Hilfesystem vermittelt“, sagt Caritasdirektor Ansgar Funcke. Hier kommen die Lotsen zum Zuge, vorausgesetzt die Betroffenen sind einverstanden. Den ersten Kontakt stellt das Krankenhaus her. Koordinatorin Müller schaut dann, welcher Lotse passt. Auch Angehörige können von Angehörigen-Lotsen unterstützt werden. Über ein Vierteljahr hinweg begleitet der Lotse den Hilfesuchenden.

Durch die eigene Drogenerfahrung seien die Lotsen glaubwürdiger als „Therapeuten, die das nur theoretisch gelernt haben“, findet HaJo. Er hat in den vergangenen vier Jahren sechs Leute begleitet. „Ich kann Wege zeigen, gehen muss ihn jeder selbst“, so sein Fazit. Wichtig sei, dass das Problem angesprochen werde, um die Person wachzurütteln.

Von 30 Suchtkranken, die sich seit Juni 2018 von Lotsen begleiten ließen, konnten laut Müller acht in Selbsthilfegruppen andocken, drei haben eine Therapie begonnen und weitere drei meldeten sich noch hin und wieder. Von den anderen habe man nichts mehr gehört.

Uwe, 15 Jahre heroin- und crackabhängig gewesen, will ebenfalls Lotse werden. In einem klinischen Aufenthalt habe er erlebt, dass er sich am wohlsten bei einem Ergotherapeuten fühlte, der selbst Drogenerfahrung hatte. „Zu dem blickte ich auf“, erinnert sich der 48-Jährige.

Das Lotsen-Netzwerk

Bei einer Informationsveranstaltung am 20. September im Erbacher Hof, Liebfrauenplatz 8 in Mainz, informiert das Lotsen-Netzwerk Rhein-Main von 19 bis 20.30 Uhr über seine Arbeit. Anmeldung bis 13. September bei der Caritas.

Infos und Kontakt zum Lotsenprojekt des Caritasverbands Darmstadt: E-Mail an ch.mueller@caritas-darmstadt.de oder telefonisch unter 06154 / 500 2847. Infos über bundesweite Lotsenprojekte unter https://lotsennetzwerk.de.

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