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Bezirksarchäologe Thomas Becker untersucht die gefundenenKnochen. Monika Müller
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Bezirksarchäologe Thomas Becker untersucht die gefundenen Knochen. Monika Müller

Archäologie

Bei Darmstadt: Menschliches Skelett auf Burgruine gefunden

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Der Fund von mindestens 600 Jahre alten menschlichen Knochen auf der Burg Tannenberg geben Forschenden Rätsel auf. Auf der Ruine bei Seeheim-Jugenheim laufen derzeit Restaurierungsarbeiten.

Der Fund eines menschlichen Skeletts auf der Ruine der Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim beschäftigt derzeit Archäologen und Archäologinnen in Darmstadt. Seit mindestens 600 bis 700 Jahren sollen die Knochen in der Erde gelegen haben, sagt der für Südhessen zuständige Bezirksarchäologe Thomas Becker. Denn so alt sei die darübergelegene Schuttschicht, die aus Zeiten der Belagerung und Zerstörung der Burg 1388 stamme. Es sei ein „ungewöhnlicher Fund“. Nicht nur die Stelle, an der das Skelett gefunden wurde, sondern auch das Fehlen von Becken und beiden Oberschenkelknochen gibt den Forschenden Rätsel auf. Derzeit befinden sich die menschlichen Überreste in der Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege in Darmstadt.

Gefunden wurde das Skelett bereits im Dezember von Peter Künzel vom Arbeitskreis Burgruine Tannenberg des Heimat- und Verschönerungsverein Seeheim und seinem Kollegen und Hobbyarchäologen Jörg Lotter. Künzel wollte eigentlich mit Hacke und Schaufel nur eine Erderhebung neben einer ausgegrabenen Mauer abtragen, um dort besser mähen zu können, als er auf die Knochen stieß. „Zuerst hielt ich sie für die Knochen eines größeren Tieres wie Schaf oder Ziege“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Doch dann stellte sich heraus, dass es menschliche Knochen waren. Die zudem „eindeutig gebettet waren“, so Künzel.

Skelettfund auf der Burg Tannenberg bei Darmstadt

Inschrift am Münzenberger-Bau, dem ältesten Gebäude der Burg.
Inschrift am Münzenberger-Bau, dem ältesten Gebäude der Tannenburg bei Seeheim-Jugenheim. Derzeit laufen hier Restaurierungsarbeiten.  © Claudia Kabel
Treppenaufgang vom ältesten Teil der Burg.
Treppenaufgang vom ältesten Teil der Burg. © Claudia Kabel
Jörg Lotter (li) und Peter Künzel haben an dieser Stelle ein menschliches Skelett gefunden.
Jörg Lotter (li) und Peter Künzel haben an dieser Stelle ein menschliches Skelett gefunden.  © Claudia Kabel
Skelett bei seiner Bergung auf der Ruine der Burg Tannenberg.
Skelett bei seiner Bergung auf der Ruine der Burg Tannenberg.  © Martina Künzel
Skelett an seinem Fundort in der Erde. Es fehlen bereits hier Becken und Oberscheknelknochen.
Skelett an seinem Fundort in der Erde. Es fehlen bereits hier Becken und Oberschenkelknochen.  © Martina Künzel
Hobbyarchäologe Jörg Lotter (links) und Kyle Burgess sieben die Erde auf der Suche nach weiteren Knochen.
Hobbyarchäologe Jörg Lotter (links) und Kyle Burgess sieben die Erde auf der Suche nach weiteren Knochen.  © Martina Künzel
Von der Ruine schaut man bis nach Frankfurt.
Von der Ruine schaut man bis nach Frankfurt.  ©  Claudia Kabel

Knochen abhanden gekommen

Mitte März wurde der Fund dann vom Landesamt für Denkmalpflege geborgen. Allerdings konnten die fehlenden Knochen nicht gefunden werden, obwohl man den gesamten Erdhaufen durchsiebte. „Diese Knochen sind so groß, die verschwinden nicht einfach“, wundert sich Becker. Zudem hätte das Skelett „im anatomischen Verbund gelegen“. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass der Beckenknochen vor dem Begräbnis abgetrennt worden sei. Dies hätte man anhand des Steißbeins sehen müssen, ist Becker überzeugt. Also müssten die Knochen im Nachhinein abhanden gekommen sein.

Skelett soll datiert werden

Nun soll das Skelett mit der C14-Methode datiert werden. Dies könne zwei bis drei Monate dauern, so Becker. Durchgeführt wird die Altersbestimmung vom Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim. Die Methode sei auf plus minus 50 Jahre genau, so Becker.

Geschichte der Burg Tannenberg

1210 : Cuno I. von Münzenberg erbaut die Burg Tannenberg . Erstmalig urkundlich als „Burg Seeheim“ 1239 erwähnt. 1300 wird sie zur Ganerbenburg mit 18 Besitzern erweitert.

Bis Ende des 14. Jahrhundert finden unter Raubritter Hartmut von Kronberg Überfälle auf die Kaufmannszüge an der Bergstraße statt.

1399: Im Sommer wird die Burg vier Wochen lang belagert. Mit schweren Waffen, darunter fünf Geschützen, setzt man der mit 65 Mann besetzten Burganlage stark zu. Die Burg wird am 21. Juli 1399 durch das Landfriedensheer im Auftrag König Wenzels eingenommen und zerstört.
1849: Die älteste datierbare Handfeuerwaffe der Welt, die Tannenberg-Büchse, wird in der Zisterne der Ruine bei Ausgrabungen unter Großherzog Ludwig III. von Darmstadt gefunden.

1972 : Der Heimat- und Verschönerungsverein Seeheim übernimmt die Sicherung und Pflege der Burgruine.

Heute: Der „Arbeitskreis Burgruine Tannenberg“ trifft sich regelmäßig zu Restaurierungs- und Pflegearbeiten. Jeder und jede kann sich beteiligen.

Die nächsten Helfereinsätze sind am 17. April und 8. Mai, 9 Uhr. Anmeldung bei Klaus Möws, Telefon 06257 / 823 98 oder Peter Künzel, Telefon 0171 / 223 271 4. cka

Da der Beckenknochen fehlt, kann laut dem Bezirksarchäologen bedauerlicherweise keine Aussage über das Geschlecht getroffen werden. Allerdings handele es sich um ein „zierliches Individuum“, was eher für eine Frau spreche. Aber es gebe auch zierliche Männer. Die Person sei vermutlich zwischen 30 und 40 Jahre alt geworden. Über die Umstände ihres Todes kann Becker derzeit ebenfalls nichts sagen. Er wolle sich mit den Kollegen aus der Anthropologie austauschen.

Fundort ist ungewöhnlich

Anhand des Gebisses – ein Zahn fehlt, einer ist kariös – ist laut Becker zu erkennen, dass sich die Person von sehr weicher und damit guter Nahrung ernährt habe. Denn die Zähne zeigten für die damalige Zeit wenig Abrieb. Dieser entstand sonst häufig dadurch, dass früher das Mehl vom Malen Steinabrieb enthielt. Dies deute daraufhin, dass es sich um jemanden aus dem Adelsstand oder eine Angehörige einer reichen Kaufmannsfamilie handeln könnte. „Es gibt entsprechende historische Überlieferungen“, sagt der Archäologe. Von der 1210 erbauten Burg Tannenberg, auch als Burg Seeheim bekannt, gingen bis Ende des 14. Jahrhunderts unter Raubritter Hartmut von Kronberg Überfälle auf die Kaufmannszüge an der Bergstraße aus. Es sei also denkbar, dass es sich bei dem Skelett um ein Entführungsopfer handeln könnte, meint Hobbyarchäologe Lotter.

Schon beim Fund war das Skelett nicht ganz komplett. Martina Künzel

Becker zieht es allerdings vor, zuerst den Fund zu untersuchen, bevor er sich von Quellen beeinflussen lasse. „Ich möchte lieber mit tatsächlichen Erkenntnissen Rückschlüsse ziehen.“

Auch der Fundort „neben der früheren Eselspforte, einem Durchgang in der Vorburg, der zum Wasserholen genutzt wurde“, wie Künzel erklärt, ist ungewöhnlich. Denn Begräbnisse fanden normalerweise nicht in ungeweihter Erde statt, sondern auf Friedhöfen und Begräbnisstellen, so Becker. Es sei denn, derjenige war aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden, wie etwa ein Hingerichteter.

Eine weitere Idee zur Herkunft besteht laut Künzel und Lotter: Es könnte sich um einen von acht dokumentierten Toten handeln, die bei der Belagerung der Burg starben. Treffe dies zu, würden noch weitere sieben Skelette auf ihre Entdeckung warten.

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