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Ein Bombenjob

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Schwetzler lernte sein Handwerk bei der Bundeswehr.
Schwetzler lernte sein Handwerk bei der Bundeswehr. © Sabine Beil

Bomben gehören zu seinem Alltag. Dieter Schwetzler entschärft Blindgänger. Für seine Arbeit sind exakte Karten wichtig, die er mit historischen Luftbildern vergleicht. Eine Alliiertenaufnahme findet er besonders besorgniserregend.

Auf den ersten Blick sieht das Büro von Dieter Schwetzler im Regierungspräsidium Darmstadt ganz normal aus. Bilder, Aktenordner, Nippes, Vasen. Schaut man genauer hin, entpuppt sich die Deko als Zünder, Minen, Bomben.

Schwetzler ist stellvertretender Leiter des Kampfmittelräumdienstes beim Regierungspräsidium (RP). „Nichts Besonderes“, sagt er. „Das ist Zufall und ganz normaler Alltag.“

Alltag? Für Schwetzler schon. 14 Bomben hat er in den vergangenen Monaten in Hessen entschärft, darunter eine in Weiterstadt, an der Baustelle der Bundesstraße 42. Seit 37 Jahren hat er mit Sprengkörpern zu tun. „Angst habe ich nicht“, sagt der 56-Jährige, „aber immer großen Respekt.“ Mit jeder Bombe geht er um, als wäre es die erste.

Bei der Bundeswehr wurde er zum „Feuerwerker“ ausgebildet, zum Fachmann für alles, was mit Munition zu tun hat. Später war er bei einer Kampfmittelräumfirma in der freien Wirtschaft tätig und hat sich zum Ingenieurtaucher ausbilden lassen.

Seit zweieinhalb Jahren ist der gebürtige Dortmunder beim Regierungspräsidium Darmstadt für Bombenfunde in ganz Hessen zuständig. Zusammen mit einer Vertragsfirma decken er und sein Chef Gerhard Gossens Nord-, Mittel- und Südhessen so ab, dass spätestens binnen 1,5 Stunden jemand vor Ort ist.

Bomben können überall sein

Wichtigste Grundlage für seine Arbeit sind exakte Karten. Am Computer kann er über die hessische Grundkarte eine Liegenschaftskarte legen und dann mit Luftaufnahmen der Alliierten abgleichen. Schwetzler zeigt eine Aufnahme vom Darmstädter Hauptbahnhof, die Aufklärer am 30. März 1945 aus der Luft gemacht haben: überall dicke, runde Punkte, dicht an dicht. Das gesamte Areal ist von Bombentrichtern überzogen. „Ziemlich heftig, was da runtergekommen ist“, attestiert Schwetzler. „Die Blindgängerquote liegt bei zehn bis 30 Prozent. Gegen Ende des Krieges wurde Sprengstoff mit Sägemehl gestreckt.“

Bomben liegen laut Schwetzler einen bis fünf Meter tief und können im Grunde überall sein. Vor allem aber in Ballungszentren, Industrieanlagen, Bahnhöfen, Flughäfen.

Besorgniserregend sieht eine Alliiertenaufnahme des Frankfurter Flughafens aus. „Ein einziger Bombenteppich“, sagt Schwetzler. „Aber der Flughafen lässt jeden Zentimeter überprüfen.“ Die Daten werden laufend aktualisiert, alle frei gegebenen Flächen werden grün schraffiert.

Nach 60 Jahren noch wie neu

In seinem Büro stehen wandfüllende Schränke voller Bilder – alles Luftaufnahmen der Alliierten. Sobald sich die Rauchschwaden nach dem Abwurf der Bomben verzogen hatten, kamen deren Aufklärungsflugzeuge, um das Ergebnis festzuhalten. „Diese alten Bilder sind von hervorragender Qualität.“

Seit über 60 Jahren liegen die Sprengkörper nun schon im Boden. Aber: „Die sind trotz Rost wie neu.“ Alles, was transportfähig ist, wird mit Spezialfahrzeugen in Bunkeranlagen nach Mittelhessen gebracht. Dort werden die alten Kampfmittel zerlegt und vernichtet. „Verrottet allerdings ein Zünder jahrelang im Erdreich, darf er keinesfalls transportiert werden.“ Derart gefährliche Objekte werden vor Ort gesprengt.

Seine drei Kinder finden „toll, was der Papa macht.“ Es selbst liebt seinen Beruf. Die Arbeit sei zwar stressig, aber auch unglaublich abwechslungsreich. „Und unberechenbar. Wenn ich darüber rede, bekomme ich selbst eine Gänsehaut.“ (ers.)

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