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Prozessauftakt in Darmstadt: Opa vor den Augen des Enkels erstochen

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Von: Annette Schlegl

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Warten auf den Angeklagten: Vor dem Landgericht Darmstadt wird der Prozess wegen Verdacht des Mordes verhandelt.
Warten auf den Angeklagten: Vor dem Landgericht Darmstadt wird der Prozess wegen Verdacht des Mordes verhandelt. © Annette Schlegl

Ein Darmstädter muss sich wegen Mordverdachts vor dem Landgericht verantworten. Wegen Wahnvorstellungen von Kindesmissbrauch hatte er den Opa seines Sohnes erstochen.

Am helllichten Tag des 3. November 2021: Ein Vater sticht dem Opa seines kleinen Sohnes von hinten mit einem Messer in den Kopf. Die Tat ereignet sich vor einem Kiosk im Darmstädter Stadtteil Kranichstein – direkt vor den Augen des Jungen. Für den Opa kommt jede Hilfe zu spät, er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Täter musste sich am Dienstag wegen Verdacht des Mordes vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, heimtückisch einen Menschen getötet zu haben. Das Strafmaß dafür wäre lebenslange Haft.

Angeklagter Darmstädter schlug auch noch auf Oma des Jungen ein

Der 37-jährige Darmstädter, der der leibliche Vater des kleinen Jungen ist, hatte auch noch die Oma verletzt, die an den Tatort geeilt war. Ein von einem Balkon gefilmtes und vor Gericht gezeigtes Zeugenvideo zeigte, wie er sich aus der Umklammerung von Passanten entriss und ihr mit der Faust ins Gesicht schlug. Sie erlitt einen Kieferbruch.

Der Angeklagte hatte die Tat wohl geplant. Er hatte sich eine Perücke besorgt, die er aufsetzte, um auf dem Weg zum Tatort nicht erkannt zu werden. Sein Tatmotiv: Er glaubte, dass der Opa das Kind missbrauche. Es gab aber laut Richter Volker Wagner keinerlei Hinweise und Spuren für einen Missbrauch – ganz im Gegenteil: Die Oma des Jungen, ein benachbarter Vater und der Bedienstete im Kiosk bezeichneten den Opa als „herzensguten Menschen“, der stets alles für seinen kleinen Enkel getan habe.

Mordprozess in Darmstadt: Verteidiger spricht von Wahnvorstellungen seines Mandanten

Außerhalb des Gerichtssaals sprach der Verteidiger in einem Statement vor laufender Kamera von Wahnvorstellungen seines Mandanten. Er habe damals „Unmengen Kokain“ zu sich genommen - bis zu einem Gramm pro Tag. Die Mutter des kleinen Jungen, die als Zeugin geladen war, bestätigte, dass er schon lange kiffte und Kokain schnupfte. Sie führte mit dem Angeklagten als 18-Jährige drei Monate lang eine Beziehung, kam fünf Jahre später erneut mit ihm zusammen und bekam einen Sohn. Als der Junge eineinhalb Jahre alt war, trennte sie sich von dem Mann, weil er grundlos eifersüchtig, sehr aggressiv und beleidigend war. Mittlerweile ist sie verheiratet und hat zwei weitere Kinder.

Schon lange vor dem Tattag machte der Angeklagte der Familie das Leben zur Hölle – obwohl ihm diese eine Arbeit besorgt und sogar den Führerschein bezahlt hatte. Nach der Trennung schrie er immer wieder vor dem Haus, dass die Kindsmutter eine Hure sei. Diese erinnerte sich vor Gericht, dass er drei- bis sechsmal pro Woche an die Wohnungstür geklopft und „Ich stech‘ dich ab, ich bring‘ dich um“ gerufen habe. Drei Tage vor der Tat sei er sogar mit einem Messer in der vorderen Pullovertasche vor der Tür aufgekreuzt. Auch ein als Zeuge geladener Nachbar hatte etwa eine Woche vor der Tat eine Drohung gehört: „Ich schwöre bei Gott, ich bringe euch um.“

Bei dem Jungen, der bald seinen fünften Geburtstag feiert, ist seitdem nichts mehr wie es war. Er habe angefangen, sich einzunässen und einzukoten, gehe nicht mehr in den Kindergarten, habe keine Freunde mehr, sagte seine Mutter.

Für den Prozess sind vier weitere Verhandlungstage angesetzt.

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