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Betrug mit Notlüge verhindert

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Ausgezeichnet: Daniel Nabizadah mit der Medaille für Zivilcourage des Landes Hessen.
Ausgezeichnet: Daniel Nabizadah mit der Medaille für Zivilcourage des Landes Hessen. © Sebastian Weissgerber

Daniel Nabizadah hat schon mehrfach Zivilcourage bewiesen und Straftaten vereitelt. Jetzt ist er dafür mit einer Medaille ausgezeichnet worden.

Daniel Nabizadah hat von Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) jüngst die Hessische Medaille für Zivilcourage verliehen bekommen. Als Telefonbetrüger im Mai 2020 einer älteren Dame ihr Gespartes abzocken wollten, hat der heute 38-Jährige als Taxifahrer die Situation richtig erkannt. Er verständigte die Polizei und verhinderte auf diese Weise den Betrug. Wieder einmal, muss man sagen. Denn die Liste seiner Heldentaten ist noch länger.

Er selbst berichtet sogar von „drei vereitelten Straftaten“: Einmal sei er zwei Polizisten am Luisenplatz zur Hilfe geeilt, als diese durch einen betrunkenen Schläger in Bedrängnis gerieten. Ein zweites Mal habe er eine Frau vor den Innenstadt-Kinos vor ihrem prügelnden Partner gerettet. Und als er dann die 90-jährige Stammkundin erst zur Bank und dann zur Post am Luisenplatz fahren sollte, diese ihm aber nicht verraten wollte, was sie vorhatte, reagierte er mit einer geistesgegenwärtigen Notlüge: „Ich habe ihr erzählt, Geldsendungen könnten wegen der notwendigen Versicherung nur an der Post am Hauptbahnhof aufgegeben werden.“ Erst der von ihm verständigten Polizei erklärte die Dame, sie habe am Telefon 27 000 Euro gewonnen. Für deren Erhalt verlangten die Betrüger jedoch erst Geld per Post.

Nabizadah scheint nicht nur ein grundanständiger Bürger zu sein. Zum Gespräch mit der FR erscheint er mit Hemd, Sakko und Anzugschuhen – seinem üblichem „Freizeitlook“, wie er sagt. Er scheint sich schon immer stets Gedanken zu machen, was das Richtige ist und wie er Gutes tun kann.

In Afghanistan geboren, kam er im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Als er bei der Bundeswehr seinen Grundwehrdienst ableisten sollte, habe ihm diese angeboten, ihn als Dolmetscher in Afghanistan einzusetzen. Denn Nabizadah spricht gleich zwei Regionalsprachen: Darsi und Farsi. „Aber ich war gegen den Kriegseintritt, weil die da ohne jeden Plan reingegangen sind.“ Stattdessen fuhr er „Essen auf Rädern“ für die Johanniter in Griesheim. „Das erschien mir einfach sinnvoller“, sagt Nabizadah. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung habe ihn sehr geprägt. „Am Anfang hatte ich total Angst im Umgang mit ihnen irgendetwas falsch zu machen.“

2003 reiste er dann dennoch privat nach Afghanistan, nachdem ein Onkel bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen war. „Dort habe ich gesehen, wie dankbar ich sein kann, in Sicherheit in der Bundesrepublik aufgewachsen zu sein, und Bildung genießen zu dürfen – angefangen im Kindergarten bis hin zum Fachabitur.“

In seiner alten Heimat hingegen kämpften viele Kinder täglich ums Überleben, und der nächste Arzt sei oft hunderte Kilometer entfernt. „Diese Erinnerung bleiben, wenn man so eine Reise gemacht hat.“ Er sei damals mit drei Koffern hingeflogen. „Zurück bin ich nur mit der Jeans und dem T-Shirt, die ich am Körper trug.“

Über seine Zeit als Taxiunternehmer berichtet Nabizadah voller Stolz. Zu seinen Stammkunden zählte er Vorstände von Merck und Software AG, eine hessische Ministerin und eine berühmte Darmstädter Künstlerin. Seinen Fahrern verordnete er gepflegtes Auftreten und Türen aufhalten. Im Radio liefe stets ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender. „Das ist mir lieber als Pop-Musik.“ Doch in der Pandemie musste sich der Familienvater umorientieren. „Das war für mich die härteste Zeit meines Lebens“, berichtet Nabizadah. Außer ein paar Arztfahrten oder die Wocheneinkäufe für Seniorinnen zu erledigen, sei ihm von heute auf morgen der gesamte Umsatz weggebrochen.

Für einen neuen Job, das war für ihn klar, käme zuerst die Polizei oder der Justizvollzug in Frage. Seine Firma hat er an seine deutschstämmige Ehefrau abgeben. Nabizadah arbeitet heute als Gefängniswärter. „Wenn ich da Menschen sehe, die wegen 200 Euro eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen müssen, oder schon als Kinder mit Drogen aufgewachsen sind, bin ich einfach sehr glücklich, das ich so aufwachsen durfte und nicht auf die schiefe Bahn gekommen bin.“

Seinen Anstand, sagt Nabizadah auf Nachfrage, den haben er wohl von seinen Eltern. Die hätten 2015 auch zwei Flüchtlingskinder bei sich zu Hause aufgenommen. Wegen der Arbeit im Gefängnis müsse er eigentlich aufpassen, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen und keine Details über sein Privatleben preiszugeben. Seine Geschichte wolle er aber trotzdem erzählen – nicht aus Eigenlob, sondern um zu zeigen, dass auch die meisten Migrant:innen „keine schlechten Menschen sind, dass wir uns integrieren können und mithelfen diese Welt ein bisschen sicherer zu machen“.

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