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Besuch im Storchennest

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Im Nest an der Kläranlage Münster sitzt Klaus Hillerich, um drei junge Störche zu beringen.
Im Nest an der Kläranlage Münster sitzt Klaus Hillerich, um drei junge Störche zu beringen. © Bärtl

Klaus Hillerich ist ehrenamtlicher Vogelberinger und damit der erste Mensch, den das Vogelkind in seinem Leben so nah sieht. Die Eltern sind wachsam.

Zehn Meter tief geht es in den Abgrund. Klaus Hillerich setzt den Fuß auf das Geländer der im Wind schwankenden Hebebühne. Dann das Knie auf den Rand aus Ästen – und mit Schwung ins Nest. Da hockt der 73-jährige Naturschützer nun viele Meter über den Münsterer Wiesen, direkt neben der Kläranlage, inmitten dreier Storchenkinder. Eines blickt ihn mit großen Augen an, als sei er ein Außerirdischer.

Und irgendwie ist das tatsächlich so im Storchenkosmos: Hillerich ist der erste Mensch, den das Vogelkind in seinem Leben so nah sieht. Denn fliegen kann der etwa fünf Wochen alte Nachwuchs noch nicht, wenn er beringt wird. Das Universum endet am Nestrand. Seine Geschwister tun bei dieser Invasion lieber so, als seien sie gar nicht da.

Klaus Hillerich ist ehrenamtlicher Vogelberinger für die Vogelwarte Helgoland, einer von drei Beringungszentralen in Deutschland. Er koordiniert die Weißstorcherfassung in Hessen. Doch „Herr der Ringe“, so solle man ihn bloß nicht nennen, sagt Hillerich und zieht aus seiner Latzhose eine Kordel, an der die schwarzen Plastikringe mit den weißen Codes aufgefädelt sind. Schließlich gehe es nicht um ihn bei dieser Aktion, sondern um die Störche, die in Hessen ja mal fast verschwunden waren. Mithilfe der Ringe lassen sich ihre Ausbreitung, ihre Flugrouten und ihr Alter wissenschaftlich untersuchen – weil man die Individuen erkennt.

„So, komm’ her“, redet Hillerich mit ruhiger Stimme auf das schwarz-weiße Federhäufchen vor seinen Knien ein. Dann zieht er sanft das Bein des Storchenkinds unter dem Flügel hervor. Es klickt kräftig, und der Ring schließt sich um den Schenkel des Kükens. Dann schiebt der Vogelschützer, der seit 1959 beringt, das Beinchen unter den warmen Flügel zurück.

80 Ringe für zwei Landkreise

Das war Hillerichs Ring Nummer 25 für dieses Jahr. 80 hat er für die Störche in den Kreisen Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau zur Verfügung – 70 weniger, als noch im vergangenen Jahr. Die musste er an einen Kollegen in Marburg abgeben, weil nun auch dort beobachtet werden soll, wie die Population sich entwickelt.

Dass die Zahl der Ringe da nicht einfach erhöht wird, ist ein Kompromiss: „Es gibt auch Beringungsgegner“, sagt Klaus Hillerich. Und diese fürchten, dass die Vögel durch das Beringen gestört werden könnten. Deswegen gibt es in Hessen auch nur 250 Storchenringe pro Jahr. Im vergangenen Jahr sind 1000 Jungtiere geschlüpft.

Auf dem Strommast nebenan klappert’s. Mama und Papa Storch beobachten von dort genau, was der Naturschützer tut. Abwechselnd drehen sie Runden über dem Horst. Hillerich zieht derweil ganz gelassen sein Lineal aus der Latzhose und misst noch die Länge der Federn. 14 Zentimeter, schreibt Hillerich in sein Notizbuch. Fünf Wochen alt ist der Nachwuchs also. Und mal von dem Schock über den Gast im Nest abgesehen, geht es ihm gut.

Das ist laut Hillerich nicht immer so. Plastik heißt die große Gefahr: Manche Junge seien ans Nest gefesselt, weil die alten Tiere Schnüre vom Acker für den Nestbau nutzen. In jedem fünfzigsten Nest muss Hillerich mittlerweile einen Vogel davon befreien, schätzt er. Heute nicht nötig. Hillerich setzt den Fuß auf das Geländer und springt zurück in die Hebebühne. Auf zum nächsten Horst. ers

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