Viele Altbauten im Martinsviertel sind saniert worden – das beliebte Quartier ist für Investoren besonders attraktiv.
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Viele Altbauten im Martinsviertel sind saniert worden – das beliebte Quartier ist für Investoren besonders attraktiv.

Darmstadt

Beliebt und kaum zu bezahlen

Der Wohnraum im Martinsviertel wird knapp – und deshalb immer teurer. Viele Menschen ziehe es in das „coole Quartier“.

Das Darmstädter Martinsviertel befindet sich im Wandel. Jahrzehnte voller Sanierungen haben aus dem einstigen Bauern- und Arbeiterviertel ein attraktives Quartier gemacht. Viele zieht es dorthin – auch Investoren. Und der Wohnraum wird knapp und immer teurer.

Investoren kaufen ein Mehrparteienhaus und erhöhen die Miete direkt um 20 Prozent. Eine junge Frau lebt als einzige noch zur Miete in einem Altbau, in dem alle Einheiten in teure Eigentumswohnungen umgewandelt wurden. Ein Paar zieht letztlich doch in eine sanierte Dachwohnung, obwohl der Quadratmeterpreis von 11 Euro ihnen eigentlich zu teuer ist. Ein Wohnungssuchender schüttelt den Kopf über eine knapp 70 Quadratmeter große Wohnung mit Ölofenheizung, die 800 Euro kalt kosten soll. Nicht wenige ziehen letztlich weg.

40 Jahre lang Sanierung

Dies alles sind Beispiele für eine Entwicklung im Martinsviertel, die nicht nur langjährige Bewohner bedenklich finden. Rund 40 Jahre lang war das Viertel ein öffentlich bezuschusstes Sanierungsgebiet. Wer sich hier in den siebziger Jahren ein Haus gekauft hat, wurde gefragt, ob er das allen Ernstes tun will. Heute wird er gefragt, wie er das geschafft hat.

„Das ist für uns ein lukratives Viertel“, bestätigt der Darmstädter Immobilienmakler Hans Jürgen Kleinsteuber. Die Preise hätten sich vom unteren Segment an die Höhen im übrigen Stadtgebiet angeglichen. Dennoch sei ein Mietpreis von zehn Euro pro Quadratmeter die Obergrenze, für Bestandsimmobilien seien 2500 Euro pro Quadratmeter das Maximum. „Wenn jemand wenig verdient, hat er Pech“, räumt Kleinsteuber ein. Aber das sei nun mal freie Marktwirtschaft.

Armin Schumacher von der „Initiative lebendiger Riegerplatz“ bereitet das Sorgen. „Wir haben unser Viertel ganz toll nach vorne gebracht“, freut er sich einerseits über die Vielfalt an Kultur und Gemeinsinn, die diverse Akteure in öffentlichen Räumen pflegen. „Aber gleichzeitig kommen dadurch auch andere Sachen in Gang.“ Viele Menschen ziehe es in das „coole Quartier“, Wohnraum werde knapp und teurer, Geringverdienende würden verdrängt.

Viele zieht es ins „coole Quartier“

„Ganz schlimm ist, wenn Leute Kapital anlegen, ganze Häuser kaufen und Rendite haben wollen“, moniert der studierte Architekt. Er selbst habe seine Wohnung am Riegerplatz um die Jahrtausendwende als Teil einer Bewohnergesellschaft zu noch sehr günstigen Bedingungen gekauft. „Wir könnten uns das heute nicht mehr leisten.“ Er fragt sich: Ist das Viertel der Prenzlauer Berg von Darmstadt? Grassiert hier der Gentrifizierung genannte, sozioökonomische Strukturwandel wie in dem dafür bekannten Ostberliner Bezirk?

Michael Kolmer, Leiter des Amts für Wirtschaft und Stadtentwicklung, ist da zurückhaltend. Aus seiner Sicht ist auf dem Immobilienmarkt „kein wasserfallartiger Wandel zu erkennen“. Wenn, dann habe eine Gentrifizierung in der Sanierungsgebiet-Hochphase stattgefunden. „Die große Welle ist da eigentlich durch.“ Doch sei das Viertel definitiv „ein attraktiver Markt für Privatanleger“, was durchaus „punktuelle Prozesse der Gentrifizierung“ bedinge.

Obwohl viele junge Leute zuzögen, gebe es nach wie vor eine gute soziale Durchmischung. Und das liege auch an dem relativ großen Bestand an Bauverein-Wohnungen, die bremsend auf die Mietpreise wirkten. (aw)

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