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Bei Darmstadt: Eine Burg entsteht aus Ruinen

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Von: Claudia Kabel

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Luftaufnahme der Burg Tannenberg bei Seeheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg).
Luftaufnahme der Burg Tannenberg bei Seeheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg). © Heimat-und Verschönerungsverein Seeheim.

Der Heimat- und Verschönerungsverein Seeheim hat sich ein Mammutprojekt vorgenommen: Den Wiederaufbau der mittelalterlichen Burg Tannnenberg. Seit 50 Jahren laufen die Arbeiten.

Wir befinden uns im Jahr 1971: Auf einer Erhebung über Seeheim an der Bergstraße ist unter Bäumen, Gestrüpp und Trümmern eine weitgehend verfallene Burgruine nur noch zu erahnen. Am 8. April tagt die Hauptversmammlung des Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) Seeheim, und Mitglied Hartmut Meretz macht einen überraschenden Vorschlag: Man solle die weitgehend verfallene Ruine auf dem Tannenberg erhalten und soweit wie möglich sanieren.

1970: Die Ruine Tannenberg bei Seeheim zu Beginn der Sanierung.
1970: Die Ruine Tannenberg bei Seeheim zu Beginn der Sanierung. © Heimat- und Verschönerungsverein

Der Verein unter Vorsitz von Harald Wirth stimmt zu, wohlwissend, dass damit „eine Mammutaufgabe“ auf ihn zukomme. „Unter den 200 Mitgliedern war anfänglich eine gewisse Skepsis (...) Man konnte sich nur schwerlich vorstellen, dass eine solche riesige Aufgabe erfolgreich zu ‚stemmen’ wäre“, schreibt Karl Listner in seinem Buch – „50 Jahre Wiederbelebung der Burg Tannenberg“. Es ist die Chronik einer ungewöhnlichen Denkmalsanierung.

Burg Tannenberg: Schon Großherzog Ludwig III. ließ graben

Der Bauingenieur war damals gerade in die südhessische Kleinstadt gezogen und dem Verein beigetreten. In den folgenden drei Jahrzehnten arbeitete er aktiv und planerisch auf der Burg mit, legte unter anderem beim Wiederaufbau des Turms und der Mauern selbst Hand an. „Dort wo Fundamente erhalten waren, konnten wir Mauern drauf setzen“, sagt der heute 85-Jährige. Als „Pompeji der Bergstraße“ hatte bereits Großherzog Ludwig III. von Hessen und Rhein die Burg Tannenberg bezeichnet und 1849 Grabungen vornehmen lassen. Dabei wurde nicht nur zahlreiche Funde gemacht, etwa die Tannenbergbüchse aus dem 12. Jahrhunder, die als älteste Handfeuerwaffe Europas gilt, sondern auch ein Grundriss der 1399 nach vierwöchiger Belagerung zerstörten Burg erstellt. Anhand dieses Grundrisses und basierend auf Resten der Fundamente gelang es den Aktiven des Vereins in insgesamt 60 000 Arbeitsstunden die Ruine von einem zugewachsenen Schutthaufen in die heutige Form zu bringen. Verwendet wurden dabei ausschließlich Steine, die auf dem Gelände gesammelt wurden. Dabei entdeckten die Arbeitenden auch unbekannte Gebäudeteile, wie Listner dokumentiert. Finanziert wurde das Projekt weitgehend über Spenden, die Gemeinde stellte Fahrzeuge und Arbeitskräfte zur Verfügung.

Burg Tannenberg: Erster Arbeitseinsatz 1972

Beim ersten Arbeitseinsatz im Juni 1972 begannen 25 Freiwillige, darunter Bürgermeister Walther Draudt und Pfarrer Fischer, den zukünftigen Burghof von Ästen, Laub und Steinbrocken zu befreien. Oberstleutnant Alois Meixlsperger erläuterte zehn Monate später in einem Lichtbildvortrag den Fortgang der geplanten Sanierung und sorgte durch seine Literaturrecherche auch für neue Kenntnisse über die Burg, schreibt Listner.

Arbeitseinsätze und Geschichte

Erbaut wurde die Burg Tannenberg 1210 durch Cuno I. von Münzenberg. 1239 wird sie als „Burg Seeheim“ erstmals urkundlich erwähnt.

Unter Raubritter Hartmut von Kronberg finden bis Ende des 14. Jahrhundert Überfälle auf die Kaufmannszüge an der Bergstraße statt. 1399 wird die Burg nach Belagerung zerstört.

Heute gehört das Gelände Hessenforst. Das hessische Landesamt für Denkmalpflege begleitet seit 2017 die Arbeiten.

Eine Ausstellung zur Burg Tannenberg ist im Bergsträsser Museum, Ober-Beerbacher-Straße 1 in Seeheim-Jugenheim sonntags 15 bis 17 Uhr zu sehen.

Die nächsten Arbeitseinsätze finden am Samstag, 15. Oktober, und Samstag, 12. November, statt. Beginn jeweils 9 Uhr. Infos: www.hvv-seeheim.de cka

Bis heute sind die Mauern von Kernburg, Vorburg und Zwinger deutliche gewachsen, der Palastkeller freigelegt. Der Stumpf des Bergfrieds ist begehbar. Ein Rundweg wurde angelegt und eine Schutzhütte errichtet. Eine sehenswerte Burgruine mit sensationeller Aussicht ist entstanden. Doch abgeschlossen ist die Restaurierung nach 50 Jahren noch nicht, schreibt Listner.

Karl Listner (links) begutachtet die Arbeiten am Palastkeller.
Karl Listner (links) begutachtet die Arbeiten am Palastkeller. © Heimat-und Verschönerungsverein Seeheim

Burg Tannenberg: Nördliche Vorburg soll freigelegt werden

Weiterhin finden mehrmals im Jahr Helfereinätze statt, zu denen im Schnitt 15 bis 25 Personen kommen. Beim nächsten Einsatz stehe die Freilegung der nördlichen Vorburg und die Sanierung der nördlichen Zwingermauer an, ließ Peter Künzel wissen. Er ist seit zehn Jahren federführend an den Arbeiten beteiligt. Gemeinsam mit dem Hobbyarchäologen Jörg Lotter fand er im Dezember 2020 bei Pflegearbeiten ein menschliches Skelett, das derzeit in der Außenstelle Darmstadt des Landesamts für Denkmalpflege untersucht wird.

Zeichnung von Alois Meixlsperger: Die Burg Tannenberg vor ihrer Zerstörung 1399.
Zeichnung von Alois Meixlsperger: Die Burg Tannenberg vor ihrer Zerstörung 1399. © Heimat-und Verschönerungsverein Seeheim

Für die Archäologie sind solche Funde natürlich wertvoll, andererseits widerspricht es dem denkmalschützerischen Ansatz, historische Schätze lieber im Boden zu belassen, um sie nicht bei unsachgemäßer Ausgrabung zu zerstören. Auch Bezirksarchäologe Thomas Becker ist hier ambivalent. Das Erdmaterial mit vielen Funden sei zwar bereits bei der großherzoglichen Ausgrabung von der Hauptburg in die Vorburg geworfen worden und „nicht mehr in Originallage.“ Dennoch sei er froh, dass die Außenstelle seit 2017 die Arbeiten vor Ort durch einen ehrenamtlichen Mitarbeiter begleite. Dadurch habe man mehr Funde machen können und neue Erkenntnisse gewonnen, etwa zu Details der Belagerung. Die Arbeit des Vereins habe „deutliche Spuren“ hinterlassen und die Wahrnehmung der Anlage deutlich gestärkt, so Becker. „Allerdings muss jedem klar sein, dass das, was heute zu sehen ist, alles Nachbauten sind, bei denen nicht unbedingt davon auszugehen ist, dass die ursprüngliche Burg so ausgesehen hat.“

Die Gemeinde ist dennoch stolz auf ihr „Leuchtturmprojekt“, das allein auf ehrenamtlichem Engagement basiere und viele Besucher:innen anziehe, wie Bürgermeister Alexander Kreissl (CDU) sagt. Jürgen Eck, Vorsitzender des Museumsvereins Seeheim-Jugenheim betont, dass nun eine weitere Burg in der Burgenkette an der Bergstraße weithin sichtbar sei.

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