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Babys auf Entzug

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Drogen erreichen ungeborene Kinder über die Nabelschnur.
Drogen erreichen ungeborene Kinder über die Nabelschnur. © Alexandr Vasilyev - Fotolia

Das Netzwerk „Bambini“ bietet drogenabhängigen Eltern in Darmstadt frühe Hilfen an. Es feiert jetzt sein 15-jähriges Bestehen.

Drogenabhängig, schwanger und allein: Frauke S. (Name der Redaktion bekannt) fühlte sich alleine und überfordert. Und vor allen Dingen hatte sie Angst: Angst, dass es ihrem Kind schlecht geht. Angst, dass Ärzte ihr Vorwürfe machen. Angst, dass sie ihr Kind verliert. Angst vor der Sucht. „Ich musste erst lernen, Verantwortung zu übernehmen“, erzählt sie. Frauke S. entschied sich, Hilfe anzunehmen. Und hat es bis heute nicht bereut. Mittlerweile hat sie noch ein Kind bekommen: Der Sohn ist zwölf, die Tochter sechs Jahre alt. Beide sind gesund und munter.

Geholfen hat Heike S. der Arbeitskreis „Bambini“, ein Netzwerk, das sich seit 15 Jahren in Darmstadt und dem Landkreis um werdende Eltern kümmert, die von Drogen, Alkohol oder Medikamenten abhängig sind. Ziel ist es, ihnen zu helfen, die Sucht zu bekämpfen und das Wohl der Kinder sicherzustellen.

Dabei geht es nicht nur darum, die Kinder vor Vernachlässigung zu schützen: Wenn die Mütter während der Schwangerschaft Drogen genommen haben, bekommen die Kinder ein paar Tage nach der Geburt Entzugssymptome, die lebensbedrohlich sein können, wenn sie nicht sofort behandelt werden.

Die Babys müssten in solchen Fällen auf die Intensivstation verlegt werden, wo sie von den Drogen entwöhnt werden. Danach folgt ein mehrwöchiger Aufenthalt in der Kinderklinik. Auch danach stehen die Kinder unter Beobachtung: Das Risiko eines plötzlichen Kindstodes ist hoch. Ärzte als Bedrohung

„Es ist wichtig, dass die Ärzte von der Mutter über ihre Sucht informiert werden, damit sie das Kind entsprechend versorgen können“, sagt Heike Reineke von der Drogenhilfe Darmstadt. Das Problem: Viele trauten sich nicht, offen über ihre Sucht zu sprechen. Sie erlebten Ärzte und Ämter als Bedrohung. Die Hürde sei groß. Auch Frauke S. fühlte sich als Rabenmutter abgestempelt. „Da gibt es viele Vorurteile.“

Das Netzwerk, dem Ärzte, Sozialarbeiter, aber auch Kinderschutzbund und Jugendamt angehören, versucht deshalb, die Mütter schon während der Schwangerschaft zu erreichen, auf seine Angebote aufmerksam zu machen und Angst abzubauen.

Feste Strukturen helfen

„Unser gemeinsames Ziel ist, dass die Kinder gesund groß werden“, sagt Heike Reineke. Auch den Mitarbeitern des Sozialamts sei nicht daran gelegen, den Eltern das Kind wegzunehmen. Dies geschehe nur dann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Das heißt aber auch, dass die Eltern mitarbeiten – und sich gegebenenfalls kontrollieren lassen.

Unter anderem notieren die Kinderkrankenschwestern, wie oft die Eltern ihr Kind auf der Station besuchen, ob sie sich an Vereinbarungen halten, ob sie unter Drogen stehen. Ziehen die Eltern nicht mit, steht die Ampel auf Rot und das Jugendamt greift ein. Frauke S. ließ sich auf die Hilfe ein. Nachdem ihre Tochter aus der Klinik entlassen wurde, zog sie bald darauf aus Darmstadt weg. Sie hatte Angst, in ihrem gewohnten Umfeld rückfällig zu werden.

Ihr Fazit ist positiv. Der Druck und die Kontrollen hätten ihr zwar nicht immer gefallen, und manchmal habe es Meinungsverschiedenheiten gegeben – letztlich sei das alles aber auch notwendig gewesen, um ihrem Leben feste Strukturen zu geben. „Als Drogenabhängige hat man ja jahrelang geschludert, ist spät aufgestanden, hat sich um nichts gekümmert.“ Frauke S. wünscht sich, dass sie andere suchtkranke Eltern überzeugen kann, Hilfe anzunehmen: „Man braucht keine Angst zu haben.“ (hin)

Der Arbeitskreis „Bambini“ lädt anlässlich seines 15-jährigen Bestehens für Samstag, 12. März, auf den Luisenplatz ein. Dort gibt es von 10 bis 14 Uhr einen Infotisch.

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