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In ihren neuen Praxisräumen in Roßdorf: Christine Preißmann ist Ärztin, Therapeutin und Autistin.
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In ihren neuen Praxisräumen in Roßdorf: Christine Preißmann ist Ärztin, Therapeutin und Autistin.

Darmstadt

Autismus in der Pandemie: Das totale Chaos

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Für Menschen mit Autismus sind die ständigen Änderungen der Corona-Regeln eine extreme Belastung. Die Darmstädter Medizinerin und Betroffene Christine Preißmann hat Menschen mit der Störung befragt.

Veränderungen und alles Unerwartete fallen Menschen mit Autismus generell sehr schwer. Deshalb zeigen sich viele durch die Pandemie „sehr verunsichert und berichteten von großem Stress“. Viele sind noch nach Monaten „mit der neuen Situation überfordert“ und erleben „die Corona-Pandemie als eine ‚Zeit der totalen Verunsicherung’“, schreibt Christine Preißmann.

Die Darmstädterin weiß, wovon sie redet: Sie ist nicht nur Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie sowie Buchautorin, sondern sie hat selbst das Asperger-Syndrom – eine Form von Autismus. Für ihr Buch „Menschen im Autismus-Spektrum und die Corona-Pandemie“ hat sie zu Beginn der Pandemie 70 Betroffene nach ihren Erfahrungen befragt. „Ich hoffte eigentlich, das Buch käme zu spät“, sagt die 50-Jährige im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Doch es ist aktueller denn je. Anlässlich des Welt-Autismus-Tages am 2. April will sie auf die Situation der Betroffenen aufmerksam machen.

Das Problem sei nicht, sich an Regeln zu halten, sagt Preißmann. Belastend sei für viele, dass sich Regeln zu schnell änderten und gewohnte Strukturen nicht mehr möglich seien. „Es ist alles Chaos“, weil die vorherige Struktur nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, schreibt Preißmann. Oft hätten Menschen mit Autismus feste Rituale für den Alltag, machten bestimmte Erledigungen und Wege, die ihnen Halt geben – „und diesen Halt haben sie nun verloren“. Für autistische Kinder sei vor allem das Homeschooling schwierig, da sie sich kaum selbst regulieren könnten.

Dagegen werde der Verzicht auf Händeschütteln und Umarmungen laut ihrer Untersuchung sogar als „äußerst angenehm“ erlebt. Schwierigkeiten bereite eher die stressauslösende Ungewissheit, ob denn auch die anderen Menschen den notwendigen Abstand einhalten würden. Preißmann selbst hat zum Beispiel kürzlich ein Möbelhaus fluchtartig verlassen, weil es ihr zu eng wurde – trotz gebuchtem Termin zum Einkaufen, wie sie sagt.

Formen von Autismus

Beim Autismus werden drei Formen unterschieden, die unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst werden.

Die mildeste Form ist das Asperger-Syndrom mit fließendem Übergang zur Normalität, am anderen Ende steht der frühkindliche Autismus mit oft schwerer Mehrfachbehinderung. Eine Sonderform stellt der atypische Autismus dar, bei dem nicht alle Diagnosekriterien vorliegen müssen.

Ein Prozent der Bevölkerung leidet unter dieser Krankheit.

Gemeinsam sind allen Autismus-Spektrum-Störungen unter anderem: Schwierigkeiten mit Mimik, Gestik oder Blickkontakt zur Regulation sozialer Interaktionen; Probleme, soziale Kontakte aufzubauen, Beeinträchtigungen in der Kommunikation; eingeschränkte und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten, etwa zwanghaft anmutende Beschäftigung. Auch Überempfindlichkeiten gegenüber Umgebungsgeräuschen und Berührungen sind möglich. cka/ann

Vor allem die durch die Pandemie verstärkte Einsamkeit sei für Menschen, die ohnehin einsam seien, besonders belastend. Auch sie selbst leide sehr darunter. „Früher konnte ich mich in ein Café setzen, um wenigstens unter Menschen zu sein, auch wenn sie fremd waren.“ Das ist nun weggefallen.

Als positiv empfänden autistische Menschen hingegen, dass Corona das Thema Einsamkeit ein Stück weit in die Normalität aller gebracht, aus der Tabuzone herausgeholt habe. Ein Studienteilnehmender schreibt: „Worüber sich andere nun beklagten, ist für mich lebenslange Realität.“

Christine Preißmann, die bis vor kurzem in einer Klinik für Suchtkranke als Allgemeinmedizinerin arbeitete und dort eine eigene Autismus-Sprechstunde anbot, hat vor wenigen Wochen die nach ihren Angaben erste Praxis für Psychotherapie mit Schwerpunkt Autismus in der Region eröffnet. Es sei immer noch schwer, Anlaufstellen zu finden, und die Wartelisten seien lang.

Mit ihrer Praxis in Roßdorf im Landkreis Darmstadt-Dieburg will sie das Hilfsangebot ergänzen. Vor dem Hintergrund der Pandemie ist sie zudem dazu übergegangen, ihre bisherige Vortragstätigkeit ins Digitale zu verlegen. Ihre Vorträge und Onlineseminare, die fünfmal im Jahr stattfinden, seien mit jeweils etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer ausgebucht.

Infos unter: https://preissmann.com

„Menschen im Autismusspektrum und die Corona-Pandemie“ von

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