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Aufrecht ohne Beine

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Selbstbewusst hat Sitzmann sein Schicksal angenommen.
Selbstbewusst hat Sitzmann sein Schicksal angenommen. © Claus Völker

Der Darmstädter Florian Sitzmann lernt den Lastwagenfahrer kennen, der ihn vor 19 Jahren überfuhr. Auslöser war eine Fernsehsendung. Der Amputierte erzählte dort über sein Leben als "halber Mann".

"Von hinten kam der Laster. Dann kam der Knall. Ich flog durch die Luft. So fing es an. Mein Leben ohne Beine.“ In seinem Buch „Der halbe Mann“ schreibt Florian Sitzmann über sein Leben nach seinem Motorradunfall, bei dem er vor 19 Jahren beide Beine verloren hat. „Ich bin für ganz viele ein Vorbild“, sagt er selbstbewusst.

Ob mit oder ohne Beine – der 34-Jährige ist viel unterwegs und hat von der Welt schon mehr gesehen, als mancher, der kein Handicap hat: USA, Kanada, Thailand, Seychellen. Dass er im Rollstuhl sitzt und eigentlich nur aus Oberkörper besteht, irritiert nur auf den ersten Blick. Was haften bleibt, ist der Eindruck, einen starken Menschen vor sich zu haben, der sich durch alle Schwierigkeiten boxt und für Schwächere sogar eine Stütze sein kann.

So kam er im Februar auch in einer Fernsehsendung mit dem Titel „Hallo Angst – du kannst mich mal“ beim Publikum rüber. Es war keineswegs die erste Fernsehsendung, in der Sitzmann Auskunft über sein Schicksal gab. Wohl aber die folgenreichste. Im Anschluss an die Sendung erhielt er eine E-Mail, die ihn aufwühlte und an den Unfall erinnerte.

Unfall-Fahrer glaubt ihn tot

Rückblende: Im Spätsommer 1992 ist der 15-jährige Sitzmann mit seinem Freund Stefan unterwegs. Stefan fährt, Florian sitzt hinten. Es regnet. Nach einer kurzen Rast fährt Stefan wieder auf die Autobahn auf. Auf dem Beschleunigungsstreifen passiert der Unfall. Während Stefan auf den Grünstreifen fällt, gerät Florian unter die Reifen eines Lastwagen. 20 Tonnen Gewicht rollten über seine Beine.

Sitzmann wurde 50 Mal operiert, schaffte es mit eisernem Willen, eine Berufsausbildung zu machen, fand seine Erfüllung im Sport, als Handbiker, beim Mono-Ski, Drachenfliegen und Jet-Skifahren auf dem Wasser. Wenn er sich ein Ziel setzt, dann bollert Sitzmann mit Scheuklappen direkt darauf zu. Oft hat er sich gefragt, wie wohl der Lastwagen-Fahrer mit diesem Unfall fertig geworden ist.

Vage erinnert er sich, dass dieser ihm die Hand gehalten hatte, bevor die Sanitäter kamen. Er hatte sogar mit ihm gesprochen. Doch es war dunkel, es nieselte, und er hatte seine Brille verloren. Deshalb konnte er sich sein Gesicht nicht einprägen. Der Absender der E-Mail gab sich als der Lastwagen-Fahrer von damals zu erkennen. Diese Nachricht musste Sitzmann „erst mal sacken lassen“. Erst durch die Sendung hatte der Mann erfahren, dass das Unfallopfer lebt.

Nachdem sich Sitzmann die Gerichtsakten besorgt und nachgelesen hatte, dass der Name des Lkw-Fahrers mit dem des E-Mail-Schreibers übereinstimmt, antwortete er. Es folgte ein stundenlanges Telefonat. Der 44 Jahre alte frühere Lastwagen- und heutige Omnibus-Fahrer wohnt in der Nähe von Aachen und hat inzwischen eine Familie.

19 Jahre lang glaubte er, das Unfallopfer sei durch seine Schuld gestorben. Während des Gerichtsverfahrens, bei dem seine Unschuld festgestellt wurde, war er nicht dabei: Sein damaliger Arbeitgeber hatte einen Mitarbeiter der Rechtsabteilung geschickt. Als sich der Fahrer nach dem Unfallopfer erkundigte, hieß es, der junge Mann sei gestorben. An seiner Schuld wäre er fast zerbrochen.

E-Mail nach TV-Auftritt

Es war für ihn eine große Erleichterung, Sitzmann lebend und nicht seelisch zerbrochen im Fernsehen zu erleben. Nach der Sendung brach er in Tränen aus. Dann recherchierte er im Internet, las alles, was er über Sitzmann finden konnte, kaufte dessen Buch. Er war beeindruckt, welchen Weg der amputierte „halbe Mann“ eingeschlagen hat. Dann schickte er die E-Mail.

„Ich muss ihm helfen“, sagte sich Sitzmann sofort. Die beiden, die das Schicksal zusammengeführt hat, wollen sich nun im April in Darmstadt treffen und nach 19 Jahren kennenlernen. „Wie großes Kino“ wird das sein, ahnt Sitzmann.

Er wirft „einen andächtigen Blick“ zurück auf seine persönlichen Meilensteine im Sport, im Beruf und im Privatleben. Als Amputierter hat an den Paralympics teilgenommen, das 540 Kilometer lange Rennen Styrkeproven von Trondheim bis Oslo in der bis heute nicht übertroffenen Rekordzeit von 30 Stunden und 30 Minuten geschafft und als Pressereferent des Darmstädter Schlossgrabenfests einen „tollen Job“ gefunden.

Sein ganzes Glück aber ist seine kleine Tochter. „Ich bin sehr froh, dass ich lebe – und dass mir nur die Beine fehlen.“ (pyp)

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