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Aufklärung über „Ansprecher“

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Eine Broschüre gibt Eltern Tipps, wie sie sich am besten verhalten.
Eine Broschüre gibt Eltern Tipps, wie sie sich am besten verhalten. © Claus Borgenheimer

Im Kampf gegen Ansprecher appelliert die Polizei an alle Eltern, verbindliche Regeln mit den Kindern zu vereinbaren. Wer darf das Kind von der Schule, der Betreuung, dem Sport abholen? Zu wem darf es ins Auto steigen?

Immer, wenn ein so genannter Kinderansprecher-Fall die Runde macht, herrscht in der Elternschaft verständlicherweise große Aufregung. Petra Hofmann, stellvertretende Leiterin des Kommissariats 10 der Kripo, zählt im Schnitt in Darmstadt jährlich rund 14 Fälle, in denen Kinder angesprochen worden sein sollen oder verdächtige Wahrnehmungen gemacht haben. „Aus keinem Vorfall wurde ein Kriminalfall“, sagt sie. „Es gab keinen Übergriff und auch keinen Hinweis darauf, dass ein Kind in sexueller Absicht angesprochen worden ist.“ In vierzehn Jahren hat sie auch nie erlebt, dass ein Kind in ein Auto gezerrt worden wäre.

Den jüngsten Fall registrierte sie in der vergangenen Woche. In der Müllerstraße im Martinsviertel soll auf dem Heimweg vom Hort in der Schillerschule eine Achtjährige von einem Autofahrer angesprochen worden sein, ob sie nicht mitfahren wolle. Das Mädchen sei nach Hause gerannt und habe die Mutter informiert, die wiederum die Polizei anrief. „Alles richtig gemacht“, stellt die Kriminalhauptkommissarin fest.

Bei jedem Vorfall werden die Kinder befragt. „In dem Gespräch kann es dann Hinweise geben, dass es sich nicht um ein reales Erlebnis handelt“, sagt Petra Hofmann. Das galt im vergangenen Jahr für mehr als die Hälfte der Fälle. „Die Kinder lügen nicht, sondern verarbeiten irgendein Erlebnis oder einen Film.“

So wie das Mädchen, das kürzlich auf seinem Schulweg einen Mann mit Maske und Messer entdeckt hatte. „Wir sind mit ihr den Schulweg abgegangen“, berichtet Petra Hofmann, „und haben eine Plakatwand mit Werbung für Abus-Sicherheitsschlösser entdeckt: Darauf war ein dunkler Mann mit Maske und Messer zu sehen.“

Bei jedem Vorfall spricht die Polizei mit der Schule und den Lehrern, ob das Kind vielleicht ein Problem hat, das auf diese Weise zutagetritt. Oder ob Kinderansprecher in der Schule gerade thematisiert wurden. Petra Hofmann: „Am nächsten Tag gibt es dann oft einen angeblichen Fall von Ansprecher.“

Der kann durch ungeprüfte Verbreitung über die Sozialen Netzwerke, über E-Mail- oder Telefonketten ungeahnte Dimensionen annehmen und auch zu flächendeckender Panik führen. Die Jugendkoordinatorin der Polizeidirektion Darmstadt-Dieburg, Kerstin Neumann appelliert an Elternhaus und Schule, die Kinder zu stärken. „Glaub deinem Kind“ lautet eines ihrer Plädoyers. Und: „Kinder dürfen Nein sagen.“ Auch zu Verwandtschaft, die sie drücken oder küssen will.

Wichtig sei ein offenes, vertrautes Verhältnis in der Familie, das dazu führt, dass die Kinder erzählen, was sie erlebt haben – egal, ob es etwas Schönes oder etwas Schlechtes ist. Kinder sollten bestärkt werden, ihrem Gefühl zu trauen: „Wenn dir was Angst macht, wehr‘ dich.“

Eltern empfiehlt Jugendkoordinatorin Neumann verbindliche Absprachen, die sie selbst auch einhalten müssten: Wer darf das Kind von der Schule, der Betreuung, dem Sport abholen? Zu wem darf es ins Auto steigen? Wissen Mama und Papa, wo es ist, wenn es da jetzt mitfährt? Wurde das am Morgen besprochen? Oder muss jemand gebeten werden, Mama oder Papa kurz anzurufen und nachzufragen?

Von kurzfristigen Selbstverteidigungsseminaren oder gar kommerziell buchbaren Erschreckern halten beide Hauptkommissarinnen überhaupt nichts. Kerstin Neumann spricht sich für „langfristige, nachhaltige Maßnahmen“ aus, etwa Selbstverteidigung im Verein. (rwb)

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