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Angst vor dem kalten Winter

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Wenn Olli draußen übernachtet, gibt ihm sein Hund Rocky Sicherheit.
Wenn Olli draußen übernachtet, gibt ihm sein Hund Rocky Sicherheit. © André Hirtz

Vom Wanderzirkus auf die Straße: Der 58-jährige Olli übernachtet seit fast einem Jahr im Freien. Am sehnlichsten wünscht er sich eine neue Bleibe - und Arbeit. Denn: "So geht's nicht weiter."

Vom Wanderzirkus auf die Straße: Der 58-jährige Olli übernachtet seit fast einem Jahr im Freien. Am sehnlichsten wünscht er sich eine neue Bleibe - und Arbeit. Denn: "So geht's nicht weiter."

Mit seinem Hund fühlt er sich sicher. Aber mit Rocky darf der Wohnsitzlose Olli, genannt Vadder, nicht in ein Übernachtungsheim. Also schläft er weiter auf der Straße.

Eigentlich ist Olli gelernter Beton- und Gerüstbauer. Irgendwie kam der heute 58-Jährige von dort ans Reck im Zirkus Krone. Und als er sich bei einem Sturz die Schulter zertrümmerte, kam er zu diversen Beschäftigungen, die ihn irgendwann auch zu einem Kiosk in München und schließlich mit einer Hundenummer zu einem Wanderzirkus führten.

Die Hunde sind weg bis auf Rocky. Der liebt ihn so heiß und innig, wie es seine biblischen 17 Jahre überhaupt hergeben. Nur mit Rocky fühlt sich Olli sicher, wenn er draußen übernachtet. Das macht er seit Januar, seit er sich mit dem Wanderzirkusbetreiber in Griesheim endgültig verkrachte. Er ging fort und ließ seinen Wohnwagen einfach dort. Als er ihn dann wiederhaben wollte, war er weg.

Irgendwann war Vadder auch der Alkohol in die Quere gekommen. „Nie bei der Arbeit“, betont er bei einem Gespräch in der wohligen Wärme der Teestube, einer Einrichtung für Wohnungslose in der Alicenstraße. Aber Arbeit hat er ja gerade nicht. So wenig wie eine Wohnung. Die hätte er schon gern.

„Am schlimmsten draußen ist die Kälte“, sagt er. Den vergangenen Winter hat er am Mozartturm verbracht und am Europaplatz. „Den hab’ ich erst saubergemacht“, sagt er. Die Leute, mit denen er sich dort einließ, haben ihm allerdings seine Bunker – Depots mit Habseligkeiten – ausgeräumt. Und sie haben ihm sein Geld geklaut. „Vadder, Vadder“, sagt Teestuben-Leiterin Nicole Frölich, die dem Gespräch beiwohnt, und schüttelt ihren Kopf. „Immer viel zu gutmütig.“

Täglich in der Teestube

„Das war schon eine Umstellung auf der Straße“, stellt Vadder fest. „Und dann nimmste mal einen mit, und dann macht der Schwierigkeiten.“ Weil Rocky-Methusalem die Leute offenkundig als freundschaftlich verbunden einschätzte, nützte er an dieser Stelle als Wachhund nichts.

Seinen Hund versorgt Vadder immer als erstes. „Bevor ich mir was zu rauchen oder zu trinken kaufe“, beteuert er. Hunde sind ein Schutz und helfen gegen die Einsamkeit, deshalb gibt es viele Obdachlose mit vierbeinigem Begleiter. Doch die Übernachtungsheime in Darmstadt dulden keine Hunde.

Kleinere Einrichtungen in Bensheim und Groß-Gerau bieten wohl die Möglichkeit, Menschen mit Hunden unterzubringen. Im Wohnheim der Diakonie im Zweifalltorweg geht das nicht. Wobei Teestuben-Leiterin Nicole Frölich auf die Kernsanierung setzt, die dort demnächst ansteht. Dann könnten einige Plätze für Leute mit Hunden entstehen, sagt sie. „Nötig wär’s.“

Vadder kommt täglich in die Teestube. Er hat dort ein Schließfach für seine Sachen, kann etwas Warmes essen, duschen, seine Wäsche waschen und – fast ebenso wichtig – trocknen. In der Teestube hat er Gesellschaft, nimmt an einer Männergruppe teil, die gemeinsam kocht und miteinander redet, und er bekommt Beratung, wenn er sie braucht.

Dass er sie braucht, stellt Nicole Frölich just fest, als sich Vadder beklagt, er könne den vorläufigen Personalausweis, den er beantragen muss, nicht bezahlen. Diese Kosten übernimmt in solchen Fällen die Stadt. „Kommste morgen mal zu mir“, sagt sie.

Nächstes Jahr um diese Zeit will Vadder wieder eine Wohnung haben. Und dann wieder eine Arbeit. „So nach und nach bau’ ich alles wieder auf“, hat er sich vorgenommen. „Man kann schon“, stellt er fest. „Man muss nur den Willen dazu haben.“

Aushilfstätigkeiten kann er sich vorstellen, vielleicht sogar Garten- und Landschaftsbau, denn er bewegt sich gern. Und ist sich sicher: „So geht’s nicht weiter.“ (rwb)

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