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Ein anderer Blick aufs Zentrum

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Senioren haben es im Getümmel der Innenstadt nicht leicht.
Senioren haben es im Getümmel der Innenstadt nicht leicht. © Roman Grösser

Studenten der Hochschule Darmstadt betrachten den Luisenplatz mit den Augen älterer oder behinderter Menschen. Wo gibt es hier konsumfreie Räume und Ausruhmöglichkeiten? Welchen Eindruck machen Laternen, Bänke, Abfallkörbe? Was spielt sich an den Haltestellen ab?

Um 9 Uhr wirkt die Innenstadt unausgeschlafen und unfreundlich. Die Geschäfte sind noch geschlossen, und über die Wilhelminenstraße brettern Radfahrer und Lieferfahrzeuge mit einem atemberaubenden Tempo. Fußgänger springen flink zur Seite, zumindest die, die keinen Rollator, Ziehwagen oder Stock haben.

Vor den Helia-Kinos erwarten Armutsexperte Walter Hanesch, Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt, und seine wissenschaftliche Assistentin Jana König die Teilnehmer der Studienprojektwoche. Sie haben einen Fragebogen vorbereitet, der die Hochschul-Absolventen zu einem Perspektivenwechsel anregen soll.

Den jungen Leuten wird die Aufgabe gestellt, den Luisenplatz, das Herzstück der Innenstadt, mit den Augen eines älteren oder behinderten Mensch zu betrachten. Wo gibt es hier konsumfreie Räume und Ausruhmöglichkeiten? Welchen Eindruck machen Laternen, Bänke, Abfallkörbe? Was spielt sich an den Haltestellen ab?

Für viele kein einladender Ort

Claudia Sohl (32), die ihren Bachelor in sozialer Arbeit gemacht hat, und Student Sebastian Schönborn (29) halten auf dem Luisenplatz Ausschau nach betagten Bürgern. Eine Frau mit Elektro-Rollstuhl will zügig an ihnen vorbeifahren, lässt sich aber auf ein kurzes Gespräch ein. Mit dem Besteigen von Bussen hat sie wider Erwarten keine Probleme, aber „ganz, ganz schlimm“ findet sie, dass ihr so wenige Leute, meist Ältere, spontan helfen. Die anderen reagieren erst auf Bitten.

Eine Bessungerin – weiße Haare, Perlohrringe, beigefarbenes Twinset – wartet auf die Straßenbahn. Sie halte sich nicht oft in der Innenstadt auf, erklärt sie den Studenten. Ihr Stadtteil biete ihr ja alles, was sie brauche. Der Luisenplatz sei für sie ein Verkehrsknotenpunkt, kein einladender Aufenthaltsort.

„Ätzend“ findet Claudia Sohl beim Weitergehen das Nebeneinander von zackig fahrenden Radfahrern, Lastwagen, Bussen und Straßenbahnen. Ein Wunder, dass es nicht ständig kracht. Sie vermisst Radwege, die Ordnung ins Chaos bringen könnten, und einen sicheren Übergang von der Wilhelminenstraße zum Postamt.

Wie kommt ein Rollstuhlfahrer oder älterer Mensch mit Rollator ins Luisencenter? Nicht an allen Zugängen öffnen sich die Türen automatisch. „Wenn ein Feuer ausbrechen sollte, dann sind die Gehbehinderten verloren“, sorgt sich Claudia Sohl. Auf der Karstadt-Tribüne oberhalb der Treppen werden Spargel verkauft. Die Studentin überlegt sich, welche langen Wege sie als Rollstuhlfahrerin zurücklegen müsste, um dorthin zu gelangen. Oder aber sie wäre auf die Mithilfe der Spargelverkäuferin angewiesen, die ihr die Ware entgegenbringt.

Positiv beurteilen die Studierenden die Vielfalt von Geschäften, Arztpraxen und städtischen Ämtern rund um den Luisenplatz. Lobend merken die beiden Raucher an, dass die Müllbehälter mit Aschenbechern kombiniert sind. Aber warum kostet eine Kurzstrecke – etwa vom Luisenplatz zum Schloss – 1,80 Euro? Warum gibt es für Rentner keine Begegnungsstätte mit preisgünstigen Angeboten? Es müsste doch auch im Interesse der Stadt liegen, Formen zu finden, um der Vereinzelung älterer Menschen entgegenzuwirken.

Zum Luisenplatz kommen die Leute, um unter Leuten zu sein. Das gilt auch für die älteren Bürger, deren Anteil noch zunehmen wird. Im Hinblick auf ihre soziale Teilhabe sollte dieser zentrale Platz „überdacht“ werden, wünschen sich die Teilnehmer der Impulsveranstaltung.

Die Hochschule Darmstadt will sich dem Thema „Lebensraum für ältere Menschen“ mit einem neuen Studiengang widmen. Walter Hanesch ist überzeugt davon, dass sich daraus Projekte entwickeln werden, die für Darmstadt interessant sind. (pyp.)

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