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Alptraum im Park

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Die Szene ist Horror. Im Wahn stürzt ein Mann auf einen Kinderwagen, will den Säugling würgen. Das Baby hat die Attacke gut überstanden. Der Mann bleibt im Vollzug in Haina. Den Vorwurf des versuchten Todschlags lässt das Gericht fallen.

Es ist der Alptraum einer jungen Mutter: Beim Spazierengehen mit dem erst sechs Wochen alten Säugling taucht aus dem Nichts ein Mann mit wildem Blick auf, greift mit beiden Händen in den Kinderwagen. Die Finger schließen sich um den Hals des Babys.

Dieses Horrorszenario erlebte im vorigen September eine 31 Jahre alte Darmstädterin in der Albert-Schweitzer-Anlage. Obwohl ihr Baby lebt und das Geschehen wohl unbeschadet überstanden hat, ist der Informatikerin die Erschütterung noch heute anzumerken. Ihre Bitte ans Gericht: Sie möchte den Beschuldigten nicht sehen, der sich wegen versuchten Totschlags an ihrem Sohn verantworten muss. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner kann ihr den Wunsch nur vorläufig erfüllen. Am Ende ihrer Aussage muss die 31-Jährige doch noch den Täter von damals identifizieren. Sie tut es mit einem kurzen Blick, hat keine Zweifel.

Der Beschuldigte hatte die Begegnung mit Mutter und Kind aber auch gar nicht abgestritten, es gab zudem Zeugen – ebenso wie für weitere unbegreifliche Handlungen des 50-Jährigen an diesem Nachmittag. Vor dem Vorfall in der Grünanlage hatte er in einer Straßenbahn die Notbremse gezogen, Fahrgäste belästigt und bereits dort gedroht, ein Kind umzubringen. Der Mann sprang vor Autos, warf sich auf Kühlerhauben, rief Unverständliches. All dies räumte der Beschuldigte vor Gericht in groben Umrissen ein. Er stritt jedoch ab, jemals das Baby angefasst zu haben.

Gefährliche Krankheit

Der Angeklagte, dies war schon zu Prozessbeginn klar, ist ein kranker Mensch. Wahnvorstellungen peinigten ihn an jenem Septembertag. Bei dem 50-Jährigen seien hirnorganische Störungen festgestellt worden, berichtete eine Psychiaterin aus Haina, wo sich der Beschuldigte im Maßregelvollzug befindet. Auch eine Schizophrenie sei denkbar. Es stehe außer Zweifel, dass der Mann bei der Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit war. „Von der Wiederholung solcher Phasen ist auszugehen“, sagte die Psychiaterin.

Staatsanwalt Sebastian Zwiebel ließ in seinem Schlussplädoyer den Vorwurf des versuchten Totschlags fallen: Am Baby waren keine eindeutigen Würgespuren festgestellt worden, so dass wohl nur von einem beidhändigen Ergreifen auszugehen sei. Ohnehin sah Zwiebel den Täter schuldunfähig, beantragte aber die Unterbringung im Maßregelvollzug.

Die Verteidigung schloss sich an, und so fiel denn auch das Urteil aus. Richter Wagner bemühte sich, dem Mann die Gefährlichkeit seiner Krankheit vor Augen zu führen: „Es ist unsere Pflicht, alles zu tun, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.“ (bad)

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