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Alphabetisierungstag 2021: In Darmstadt präsentierten Kursteilnehmerinnen im Programmkino Rex, was sie schon können.
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Alphabetisierungstag 2021: In Darmstadt präsentierten Kursteilnehmerinnen im Programmkino Rex, was sie schon können.

Darmstadt/Offenbach

Alphabetisierungstag: Leben ohne lesen und schreiben

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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  • Timur Tinç
    Timur Tinç
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6,2 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Manche kommen mit Tricks durch Schule und Beruf. Andere lernen es noch ganz spät.

Als Kind wurde ich immer als dumm hingestellt. Da habe ich die Lust verloren“, sagt Martha K. (Name von der Redaktion geändert). Martha K. hat sich 61 Jahre lang, ohne lesen und schreiben zu können, „durchgeschlagen“, wie sie sagt. Sie hat zwei Kinder, einen Hauptschulabschluss und arbeitet in einer Schule. Wenn sie irgendwo Formulare ausfüllen musste, nahm sie sie mit nach Hause und ließ sich von ihrem Mann helfen. „Manchmal sagte ich, ich habe meine Brille vergessen“, erzählt Martha K. Als drittes von acht Kindern kümmerte sich niemand darum, wie sie in der Schule zurechtkam. Ihre Mutter sei schwerkrank gewesen, habe nie Zeit gehabt und auch in der Klasse mit 30 Kindern sei es niemandem aufgefallen, dass sie gar nicht lesen und schreiben konnte. Sie habe versucht, vieles auswendig zu lernen.

62 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig

Wie Martha K. geht es 6,2 Millionen Menschen in Deutschland. Sie können schlecht oder gar nicht lesen und schreiben. Man bezeichnet dies als funktionalen Analphabetismus. 62 Prozent dieser Menschen sind erwerbstätig, die Hälfte hat Kinder, 50 Prozent sind älter als 45 Jahre, sagt Gudrun Freund vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft. Anlässlich des alljährlich am 8. September stattfindenden Alphabetisierungstags lud das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft in Darmstadt zu einer Infoveranstaltung ein.

In Darmstadt besuchen – wie Martha K. – derzeit 38 Personen eine sogenannte Lese-Schreib-Werkstatt. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, konnten in ihren Heimatländern vielleicht keine Schule besuchen, weil sie Mädchen waren, sagt Gudrun Freund.

Auch andernorts, etwa in Offenbach, gab es Veranstaltungen zum Alphabetisierungstag. In Offenbach ist eines von acht hessischen Grundbildungszentren angesiedelt. Rund 600 000 Menschen in Hessen haben eine „geringe Literalität“, wie Kultusminister Alexander Lorz (CDU) beim Besuch der Volkshochschule sagte. „In einem hochentwickelten Industriestaat können wir es uns gar nicht leisten, dass so viele Menschen nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben.“

Lernmaterial extra für Erwachsene

In Offenbach gab es vergangenes Jahr 48 Teilnehmende an den verschiedenen Kursen und 64 Beratungen seit Pandemiebeginn, berichtete Jennifer Haines-Staudt, Projektkoordinatorin. VHS-Amtsleiter Dirk Wolk-Pöhlmann betonte in Richtung Lorz, dass „eine verlässliche Förderung“ entscheidend sei, um die Kurse dauerhaft aufrechtzuerhalten. In Offenbach wird die Finanzierung von der Stadt, dem Land und Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gestemmt, um die Angebote auszubauen und kostenlos anzubieten.

In Darmstadt arbeiten Stadt und Bildungswerk zusammen, um die kostenfreien Kurse anzubieten, wie Bürgermeisterin Barbara Akdeniz (Grüne) sagte. Sie habe großen Respekt für alle, die sich in einen solchen Kurs begeben würden. Auch Digitalkurse werden hier zur Alphabetisierung angeboten. Verwendet würden spezielle Lernmaterialien für Erwachsene, sagte Kursleiterin Gudrun Freund.

Fabian Hambüchen, Turn-Olympiasieger von Rio und seit 2017 Botschafter für Alphabetisierung und Grundbildung, sagte in Offenbach, es sei entscheidend, zufrieden mit sich selbst zu sein. Nur so könne man den eingeschlagenen Weg zielstrebig verfolgen „und selbst zum Vorbild für andere werden“.

Infos: kultusministerium.hessen.de/schulsystem/erwachsenenbildung/alphabetisierung-und-grundbildung-erwachsener oder www.bwhw.de

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