Niebergall-Preis

Dankesrede von Frank W. Methlow

Dankesrede von FR-Redakteur Frank W. Methlow für den Niebergall-Preis.

Lieber Vorsitzender und Kollege Peter Zitzmann,Herr Landtagsabgeordneter Leif Blum,Herr Oberbürgermeister Walter Hoffmann,Herr Stadtrat Dierk Molter,Herr Peter Benz,Herr Anton Austermann,Herr Thomas Duttenhoefer,hochverehrte Jury, liebe Kollegen, meine Damen, meine Herren,

Ich fühle mich sehr geehrt - auch wenn Journalisten ja angeblich keine Ehrfurcht kennen.

- Die Wahrheit ist bestenfalls eine nur halb erzählte Geschichte -

Lassen Sie mich deswegen Peter Zitzmanns Geschichte zur Urheberschaft von "Good bye GIs" ein wenig weitererzählen: Ich bin stolz - aber die anderen des Darmstädter FR-Teams sind es auch.

Dieser Preis ehrt ein Gemeinschaftswerk: Nicht nur das der Schreiber sondern der gesamten Redaktion. Denn diese Redaktion hat den Autoren die Tagesarbeit abgenommen - ihnen so die Zeit für Konzeption und Recherche überhaupt erst ermöglicht. Und das ist in diesen Zeiten wahrlich nicht einfach. Ich komme auf dieses Thema zurück.Die Kollegen haben uns also im besten Sinne frei geschrieben.

Vom Redaktionskollegen Michael Grabenstöer stammt das folgende Bild:Da ist einerseits das rackernde Schlachtross, das bei jeder Geschichte voranstürmt, weil es die Geschichte wittert und es manchmal auch noch Spaß macht,- schneller zu sein als andere,- besser zu sein als andere,- und eine Geschichte eher erkannt zu haben,- selbst wenn sie hinter Wörterwülsten lokaler Unternehmer oder Politiker versteckt ist.

Und hinzukommt andererseits wie auch im Fall von "Good Bye GIs" das Team:die Redakteurin, die sich ins Seriengeschehen einbinden lässt,selbst wenn sie den Kollegen vorwirft:"Warum denkt Ihr bei Frauen immer nur an mich"aber die dann trotzdem (mit)schreibt und aus meiner Sicht eine der schönsten Geschichten dieser Serie abgeliefert hat.Und da ist dann noch die Berliner Göre, unsere Hospitantin Anne (gut, dass wir sie hatten), die nur 'mal in den Redaktionsalltag reinschnuppern wollte und sich dann plötzlich mittendrin fühlte.Und natürlich noch unsere Sebastian - einer unserer Freien - der sich von Themen stets begeistern lässt.

Ihnen allen gilt mein Dank und natürlich auch der Pressestelle der Stadt, die mir bei der Suche nach Zeugen sehr geholfen hat und natürlich dem Stadtarchiv selbst für seine Hilfe.

- Die Wahrheit ist bestenfalls eine nur halb erzählte Geschichte -

Peter Zitzmann hat mich gebeten, kurz etwas zum "Warum" von "Good bye GIs" zu sagen.

"Good Bye GIs" ist - wie vieles in einer Lokalredaktion - uns einfach so über den Weg gelaufen. Wir mussten es sozusagen nur entdecken, es aufheben, und - wichtig, wichtig - über einen anderen Blickwinkel nachdenken - und dann einfach arbeiten.

Das ist es, was ich am Lokaljournalismus so liebe. Es gibt so viele Themen wie es Menschen gibt, wie es Betroffene gibt, ausgeliefert oder agierend. In jedem findet sich eine Geschichte, die neugierig machen kann und die im besten Wortsinne auch lesenswert ist. Es ist der Platz, wo auch die große Politik von Seite 1 schließlich ankommt, ihre eigentliche Wirkung entfaltet, Schicksale verursacht.

Die Lokalredaktion - ich konnte und kann mir als Journalist keinen besseren Platz vorstellen - im Prinzip.Denn leider sind viele dieser Lokalredaktionen mittlerweile zu einem Steinbruch verkommen.- Ein Steinbruch, wenn am Personal gespart werden muss - meist trifft es als erstes die Lokalredaktionen, weil man glaubt, hier am ehesten mit Freien (billig billig) ausgleichen zu können. Das hat dann etwas mit Qualität zu tun. Nicht alle Redaktionen haben so gute Freie wie die Darmstädter FR.- Ein Steinbruch, wenn an den Zeitungsseiten, am Platz gespart werden muss, weil die Kollegen im Hauptbuch zum Beispiel seitenlang den Fragenkatalog fürs Einbürgerungsverfahren glauben abdrucken zu müssen.- Ein Steinbruch, wenn es um Karriere geht. Das heißt dann Abwanderung. Wir Journalisten sind von hause aus ein eiteles Völkchen und finden uns natürlich viel lieber auf den Deutschlandseiten wieder als "nur in Darmstadt".Dieses "nur", diese Wertschätzung des Lokalen ist eine weit verbreitete Missachtung - aber auch Fehleinschätzung mit - aus meiner Sicht - verheerenden Folgen.Gerade auch im wild entbrannten Behauptungskampf gegen das Internet halte ich das personelle Ausbluten - und schlimmer noch - das qualitative Ausbluten der Lokalredaktionen für genau den falschen Weg.Nur hier ist nach meiner Meinung die gedruckte Zeitung gegenüber dem Internet noch wirklich konkurrenzfähig. Nur hier habe ich eine echte Chance, an junge Menschen heranzukommen und sie für das alte Papier noch zu begeistern. Und hier lässt sich die Forderung von Mathias Müller von Blumencron (Spiegel) besonders leicht erfüllen: "Print muss mehr Extravagantes und mehr Hintergründiges liefern."Tatsächlich geschieht derzeit etwas ganz anderes:Vom Internet verschreckt drängt sich alles in die Mitte hin zur optimierten journalistischen Stromlinienform. Was dabei heraus kommt haben wir in der Automobilbranche erlebt. Giovanni di Lornezo (Die Zeit) nennt es den "Trend zur Beliebigkeit". Ich stimme in dieser Beurteilung und in den Schlussfolgerungen mit ihm überein: "Printmedien können sich nur behaupten, wenn sie sich mit einem eigenen und markanten Profil von den elektronischen Medien unterscheiden." Und ich füge noch hinzu - und nicht etwa nach amerikanischem Vorbild versuchen, in ihnen aufzugehen.In diesem Szenario ist der Qualitätsjournalismus unter Druck geraten, unter heftigen Druck geraten. Rechercheaufwendige Geschichten wie "Good Bye GIs" lassen sich unter Aspekten aktueller redaktioneller Wirtschaftlichkeit eigentlich nicht mehr vertreten. Das Personaltableau wird immer enger. Und die Lokalredaktionen sind wieder einmal als erstes betroffen.Wer wie der Darmstädter Presseclub zusammen mit seinen Sponsoren mit dem Niebergall zur Attraktivität unserer Berufssparte beiträgt, wirkt dieser Tendenz entgegen. Dafür bedanken wir uns und nehmen den Preis auch als Verpflichtung, in unserem Bemühen um journalistische Qualität nicht nachzulassen.Das ist gar nicht so einfach.In diesen Tagen hat selbst die FAZ einen Einstellungsstopp verkündet.Beim Wiesbadener Kurier wird schon lange niemand mehr eingestellt.Und auch auf die FR kommt schon wieder die nächste Freisetzungswelle zu. Die soll sozialverträglich gestaltet werden. Zum Beispiel mit vorzeitigem Ruhestand. Das trifft dann die im besten Sinne "alten Hasen".Die mit- den besten Kontakten,- den meisten Erfahrungen,- den besten Kenntnissen wenn es etwa um so spröde aber notwendige Dinge wie die HGO geht.

Ganz theoretisch könnte es auch in der Darmstädter FR-Redaktion die beiden verbliebenen einzig echten FR-ler treffen. Der beachtliche Rest der Redaktion ist frei oder Leiharbeiter. Aber wir sind und bleiben ein Team. Auch wenn der Sparprozess gelegentlich zu unterschiedlichen - ja geradezu gegenläufigen Interessenslagen führt. Florian Gerster hat das auf den Punkt gebracht: "Zeitarbeit schützt die Kernbelegschaft."

Immerhin gibt es es für die Überlebenden einen Hoffnungsschimmer. Der FR-Verleger Alfred Neven DuMont hat kürzlich eindeutig Stellung bezogen. Trotz - man höre "trotz" - zu erwartender wirtschaftlicher Herausforderungen sollten die Zeitungsverlage nicht an der journalistischen Arbeit sparen - sagt Neven DuMont. Bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises rief er ins Auditorium: "Stocken sie den Redaktionsetat auf." Ich kann dem nur zustimmen. Und er empfahl zu prüfen, "ob Sie über genug schreibfreudige, begabte und hoch motivierte Redakteure verfügen."

Nun gut - sie kennen das ja jetzt schon:

Die Wahrheit ist bestenfalls eine nur halb erzählte Geschichte.

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