+
Einer der Fair-Teiler von Foodsharing Darmstadt steht in einem Raum das Asta in der Technischen Universität.

Darmstadt

Aktive Lebensmittelretter

  • schließen

In sogenannten Fair-Teilern liegen Lebensmittel, die eigentlich auf dem Müll gelandet wären. Aus den öffentlich zugänglichen Kühlschränken können sie einfach mitgenommen werden.

Heute ist nicht viel zu holen, stellt Studentin Lena Lauer fest, als sie einen Blick in den Fair-Teiler in der Technischen Universität wirft. In dem jederzeit zugänglichen Kühlschrank liegen einige Salatköpfe, im Schrank daneben helle Brötchen.

Woher genau die Lebensmittel in den Schränken kommen, weiß Lauer nicht. Nur, dass sie „gerettet“ wurden. Im Laden waren sie nicht mehr verkäuflich, weil nicht mehr ganz frisch. Da sie aber noch lecker und genießbar sind, haben Mitglieder der Darmstädter Gruppe Foodsharing die Lebensmittel bei einem der knapp 60 kooperierenden Betriebe abgeholt und bieten ihnen im Fair-Teiler eine zweite Chance.

In Lauers Küche kommen heute aber weder Brötchen noch Salat zum Einsatz. „Salat hab ich noch im Kühlschrank und helle Brötchen mag ich nicht so gerne“, sagt sie. „Aber nicht schlimm, ich gehe jetzt gleich zum Markt.“ Ihr geht es schließlich nicht in erster Linie darum, Geld zu sparen. Sondern sie will dafür sorgen, dass weniger Lebensmittel im Müll landen und verschwendet werden. Dass Lauer durch gerettete Lebensmittel Geld spart, ist ein positiver Nebeneffekt. „Dann ist auch mal teurer Käse von Markt drin“, sagt sie.

Was das Retten von Lebensmitteln angeht, ist Darmstadt eine aktive Stadt, sagt Jilly Latumena von Foodsharing Darmstadt. In einem Ranking der Bundesinitiative belegt die Stadt noch vor Frankfurt den siebten Platz. 410 534 Kilogramm bewahrten die Heiner bislang vor der Tonne. Seit vier Jahren sind die Lebensmittelretter in Darmstadt im Einsatz.

Alle Anstrengungen seien dennoch ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Latumena. „In den fünf Jahren, in denen es Foodsharing bereits gibt, konnten in ganz Deutschland 12 000 Tonnen Lebensmittel gerettet werden. Und doch landeten in dieser Zeit 55 Millionen Tonnen im Müll.“ Sie sieht alle in der Pflicht, etwas zu ändern: kritische Bürger und Supermärkte ebenso wie die Politik. Foodsharing ist für Latumena eine Art „Krücke“ auf dem Weg zu einer Welt ohne Lebensmittelverschwendung. Wer vorher containern ging, also illegal Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte zog, kann sie nun legal aus dem Fair-Teiler holen.

Die Ursache des Problems wird dadurch jedoch nicht gelöst. Doch auch daran arbeiten die Foodsharer: Die Initiative betreibt regelmäßig Aufklärungsarbeit, Workshops und unterstützt zum Beispiel Repair-Cafés.

Etwa 300 Mitglieder zählt die Initiative derzeit. „Davon ist etwa ein Drittel aktiv und hilft zwei bis drei Mal in der Woche“, so Latumena. Die Lebensmittel müssen nicht nur abgeholt werden, sondern auch die Kühlschränke sauber und übersichtlich gehalten werden.

Im Raum das Asta, in dem einer der beiden Fair-Teiler steht, sitzt ein Obdachloser. Er hatte ebenso wie Lena Lauer auf eine bessere Ausbeute gehofft, aber aus anderen Gründen: „Hunger“, sagt er. Er will noch ein bisschen in dem Raum sitzen bleiben, manchmal lege jemand privates auch etwas in den Kühlschrank – vor dem Urlaub etwa oder wenn von den Feiertagen etwas übrig geblieben ist.

„Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass sich an den Fair-Teilern ganz unterschiedliche Milieus treffen“, sagt Latumena. Rivalität mit der Darmstädter Tafel, die ja ebenfalls Lebensmittel vor dem Müll rettet, aber dann gezielt an Bedürftige verteilt, gebe es nicht. „Das ist ja eigentlich das Schlimme“, sagt Latumena, „es wird einfach so unfassbar viel weggeschmissen.“ Ihr Ziel für die Foodsharing-Gruppe klingt zunächst paradox: „Wir arbeiten daran, dass es uns irgendwann nicht mehr geben muss.“

Die Darmstädter Foodsharer laden regelmäßig zu Infoveranstaltungen ein und freuen sich über aktive Mithelfer. Aktuelles im Internet unter www.foodsharing-darmstadt.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare