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Ärger in der Wilhelminenpassage

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Mit Bewohner-Problemen im Wilhelminenpassage-Komplex befasst sich der Mieterbund.
Mit Bewohner-Problemen im Wilhelminenpassage-Komplex befasst sich der Mieterbund. © Guido Schiek

Der Mieterbund Darmstadt erhebt schwere Vorwürfe gegen den Besitzer der Wilhelminenpassage. Seit dem Ankauf durch den Investor sei sie "zum größten Schandfleck in Darmstadt geworden".

Die Vertreibung von Mietern mit unlauteren Methoden wirft der Mieterbund Darmstadt dem Besitzer der Wilhelminenpassage, Dogan Gülsen, vor. Zudem lasse er den Gebäudekomplex verwahrlosen.

Bereits drei Kündigungsbescheide in kurzer Folge hat ein Ehepaar erhalten, das seit 17 Jahren eine Wohnung mit Dachterrasse in der Wilhelminenpassage bewohnt. Kündigungsklage Nummer eins wegen angeblicher Sanierungspläne wies das Amtsgericht Darmstadt zurück, da kein Konzept für die Sanierung vorlag und zudem eine Ersatzlösung möglich gewesen wäre. Auch Klage Nummer zwei wegen vertragswidrigen Verhaltens – die Wohnung werde zu gewerblichen Zwecken genutzt – scheiterte.

Für Klage Nummer drei steht eine Gerichtsentscheidung noch aus. Sie war mit Eigenbedarf begründet worden. Bedarf für wen? Für Hausbesitzer Dogan Gülsen, hieß es zunächst. Er habe sich mit seiner Frau zerstritten und wolle das gemeinsame Haus verlassen. Später hieß es, das Paar habe sich versöhnt. Es wolle nun aber gemeinsam ausziehen, da das Haus zu groß geworden sei.

100 Appartements aus 41 Wohnungen

Warum dann gerade in die Wilhelminenpassage? Immerhin hatte Gülsen dort in den Monaten zuvor zahlreichen weiteren Mietern gekündigt, weil die Gebäude wegen gravierender Mängel vollständig umgebaut werden müssten. Will ein Besitzer von – nach eigenen Angaben – über 500 Wohn- und Gewerbeeinheiten tatsächlich mit seiner Frau auf eine Großbaustelle ziehen? „Wenn andere dort wohnen können“, sagte Gülsen vor Gericht, „kann ich das auch“.

Der Konflikt mit dem Mieter-Ehepaar wirft ein Schlaglicht auf die Zustände in der bekannten City-Immobilie. Der Mieterbund Darmstadt eröffnete am Freitagnachmittag seine Mitgliederversammlung mit einem Vortrag zu dem Thema. Dabei wurden schwere Vorwürfe gegen Gülsen erhoben. Die Wilhelminenpassage sei seit dem Ankauf durch den Darmstädter Investor „zum größten Schandfleck in Darmstadt“ geworden, sagte Mieterbund-Juristin Kyra Seidenberg.

„Das Gebäude wird Stück für Stück entmietet und sich selbst überlassen.“ Jahrelang habe der Hauseigentümer nicht auf Mängelanzeigen reagiert, sagte Seidenberg. So seien Dächer undicht, Feuchtigkeit und Schimmel in Wohnungen die Folge. Besonders perfide: Einem Mieter sei später wegen angeblicher Verwahrlosung der Wohnung gekündigt worden. Dieser Mieter habe zahlreiche Mängelanzeigen belegen können, die unbeantwortet geblieben seien.

Ende 2013 erhielt ein Teil der Mieter Kündigungen wegen der angeblich unmittelbar bevor-stehenden Generalsanierung. Unter anderem sei eine 100 Jahre alte Frau aus der Wohnung geklagt worden. Heute stünden 15 von 41 Wohnungen leer, sagte Seidenberg. Ebenso sämtliche Geschäfte in der Ladenpassage. „Deren Zustand ist erschreckend. Seit Ende 2015 gibt es im Gebäude unregelmäßig Bauarbeiten, von einer ordentlichen Sanierung keine Spur.“

„Geschmackloser Höhepunkt der Kündigungsfantasien“, so die Mieterbund-Juristin, sei der Fall einer Bewohnerin, der wegen „sexueller Belästigung eines Mitbewohners“ gekündigt worden sei. Sie habe leicht bekleidet ihre Wohnungstür geöffnet, als ein Mitarbeiter Gülsens im Treppenhaus war.

Warum Investor Gülsen monatlich hohe Einnahmeverluste wegen der leer stehenden Wohnungen und Läden in Kauf nimmt, ist dem Mieterbund unklar. Als rätselhaft bezeichnet es Seidenberg auch, wie aus den 41 Wohnungen 100 Appartements gemacht werden sollen, von denen Gülsen 2014 gegenüber dem ECHO sprach.

Aus Sicht der Investorfirma DCE-Invest gebe es keine Verwahrlosung, „nur Folgen der Projektentwicklung“, sagte deren Mitarbeiter Bastian Gaydoul am Freitag auf Anfrage. „Der Leerstand ist nicht schön, aber auch nicht ungewöhnlich.“ Die Kündigungen der Mieter seien rechtmäßig erfolgt. Vorwürfe erhob der Mieterbund auch gegen die Stadt Darmstadt, von der man keine Unterstützung erhalten habe. Wohnungsdezernentin Barbara Akdeniz sagte am Rand der Veranstaltung, sie sei über die Fälle nie informiert worden. Die ECHO-Berichte über die Vorgänge in der Wilhelminenpassage habe sie nicht wahrgenommen. Der Magistrat habe sich mit dem Thema nicht befasst.

An der Fassade der Wilhelminenpassage werben Transparente für „Workready Offices“ sowie „Wohnen im Wilhelminenquartier“. Das Haus sei „bezugsfertig im Herbst“. Eine Jahreszahl wird nicht genannt. (bad)

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