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Abschied auf Raten

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Seit 35 Jahren führt Alfons Schrumpf das Geschäft seines  Vaters. Im Januar hört er auf.
Seit 35 Jahren führt Alfons Schrumpf das Geschäft seines Vaters. Im Januar hört er auf. © Claus Völker

Darmstadt Modehaus Schrumpf schließt / „Bei guter Gesundheit den Schlussstrich ziehen“

Wenn Lissi Bachschuster einen Einkaufsbummel durch die Darmstädter Innenstadt macht, beginnt sie grundsätzlich „beim Schrumpf“. „Ich guck erst mal alles durch, und dann weiß ich, was aktuell ist. Ob ich’s dann kaufe, ist eine andere Frage.“ Mit großer Bestürzung reagierte sie gestern auf die Mitteilung, dass die Tage des Modehauses gezählt sind.

Das von Inhaber Alfons Schrumpf geführte Geschäft an der Rheinstraße ist für viele Darmstädterinnen die erste Adresse, wenn es um Blusen, Hosen, Röcke, Blazer oder Kleider geht. In den vergangenen Jahren hatte „der Schrumpf“ bei Umfragen nach der Kundenzufriedenheit zweimal den ersten Platz belegt.

Die Kundinnen werden sich ab Februar 2011 umgewöhnen müssen. Das Inhaber-Ehepaar, die Designerin Doris und der Kaufmann Alfons Schrumpf, will das Geschäft schließen. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wie beide betonen. Sondern weil sie auf die Alters-Schmerzgrenze 60 zugehen und keine Nachfolger haben. Beide Töchter wollen sich beruflich anders orientieren: Die Ältere studiert Medizin, die Jüngere Philosophie.

Branche gilt als schwierig

Die Suche nach einem neuen Inhaber verlief ergebnislos, die Modebranche gilt als schwierig. Ein Nachfolger müsste sich nicht nur gegen die zunehmende Zahl von Filialisten, sondern auch gegen den Versandhandel behaupten. Die Schließung sei keine spontane Entscheidung, versichert Alfons Schrumpf, und sie habe auch nichts mit den Modekonkurrenten im Loop 5 zu tun. Kurz nach der Eröffnung des Weiterstädter Einkaufszentrums seien die Kundenströme spürbar zurückgegangen, doch jetzt sei wieder alles im Lot. Schon seit vier, fünf Jahren mache er sich Gedanken über die Zukunft des Modehauses. Seinen 38 Mitarbeiterinnen in Voll- und Teilzeit hat er bereits gekündigt.

Seine Mutter Margarete, heute 93 Jahre alt, war noch bis vor 20?Jahren im Geschäft anzutreffen, das Beraten der Kundinnen ihre ganze Erfüllung. Ihr Sohn möchte dem Beispiel nicht nacheifern. Seit 35 Jahren sagt er, hätten er und – mit Unterbrechungen wegen der Kinder – auch seine Frau eine Sechs-Tage-Woche gehabt und oft zehn bis elf Stunden täglich gearbeitet. Bei guter Gesundheit den Schlussstrich ziehen, „auf der Höhe unserer Schaffenskraft, wenn wir noch alles in der Hand haben“ – das erscheint beiden fair gegenüber ihren Mitarbeiterinnen. „Wir werden mit vollem Einsatz bis zum letzten Tag weiterarbeiten“, verspricht der Inhaber.

Am 1. Mai 1937 hatte sein Vater Walter die aus jüdischem Besitz stammende Kurzwarenhandlung mit Garnen und Wolle unter dem Namen Schrumpf und Co. eröffnet. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört, Walter Schrumpf baute es aus Trümmersteinen wieder auf. Nach und nach wurde das Sortiment verändert und immer mehr auf Damenmode ausgerichtet. Inzwischen gibt es 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Als sein Vater 1975 starb, übernahm Alfons Schrumpf mit gerade 24?Jahren zusammen mit seiner Mutter die Geschäftsführung.

Pläne für die Zeit nach der Schließung haben Alfons und Doris Schrumpf noch nicht: „Wir sind offen in allen Richtungen – außer fürs Golfen.“( pyp)

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