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Abschied nehmen gehört dazu

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Hilde Neulinger ist da, wenn Eltern mit ihrer eigenen Trauer überfordert sind und Kinder Antworten und Halt brauchen.
Hilde Neulinger ist da, wenn Eltern mit ihrer eigenen Trauer überfordert sind und Kinder Antworten und Halt brauchen. © Alexander Heimann

Die Trauertherapeutin Hilde Neulinger unterstützt Kinder im Umgang mit Tod und Verlust.

„Fressen den Papa jetzt die Würmer?“, will ein Sechsjähriger wissen – traut sich aber nicht, seine Mama zu fragen, denn „die weint immer“. Mit seinen Fragen bleibt der Junge nicht allein. Trauertherapeutin Hilde Neulinger (66) hilft Kindern, mit der Ausnahmesituation umzugehen.

„Meist sind Erwachsene, wenn ein Partner gestorben ist, selbst von dem Ereignis überfordert“, erläutert Neulinger. Oft kämen Existenzängste hinzu. „Daher ist es ihnen manchmal nicht möglich, die Kinder in deren Trauer aufzufangen und ihnen Orientierung, Antworten und Hilfe zu geben. Kinder dagegen könnten ihre Trauer oft nicht in einer Weise äußern, dass Erwachsene sie erkennen, und verhielten sich oft „völlig normal“, um ihren verbliebenen Elternteil nicht noch mehr zu belasten.

Mit Kindern, die weinen und sich trösten lassen, hätten es Erwachsene am einfachsten, erzählt Neulinger. Schwieriger seien die abwehrenden, widerspenstigen Kinder oder die still trauernden, die sich unauffällig benehmen, viel Quatsch machen, herumblödeln oder sich so verhalten, als sei nichts geschehen. Hilde Neulinger hat viele trauernde Kinder kennengelernt: Sie leitete im Landkreis Offenbach jahrelang ein Angebot für trauernde Kinder und deren Eltern, das sie selbst konzipierte. Seit Jahresbeginn arbeitet sie nun bei der Beratungsstelle des Kinderschutzbundes (KSB) Kreisverband Groß-Gerau und hilft Familien, mit ihrer Trauer zurechtzukommen.

Kinder trauern auf Raten

Nicht selten komme es vor, dass ein Kind erst Jahre nach dem Tod eines nahen Verwandten verhaltensauffällig werde. Dies sei dann die Zeit, in der das Kind anfange zu trauern, erklärt die Therapeutin. Denn Kinder trauern auf Raten, um sich vor Überforderung zu schützen. Somit ist es möglich, dass das Kind erst viel später die Tragweite des Todes begreift. „Wir Menschen reden gern über alles – nur nicht über den Tod“, sagt Neulinger. Doch Kinder wollen ihren Kummer aussprechen dürfen, Tränen und Wut ihren Lauf lassen. Dabei brauchen sie Unterstützung von Menschen, die sie in ihrem Kummer aushalten können und annehmen. Gemeinsam mit anderen Kindern, denen es ähnlich geht, können sie ihre Trauergefühle teilen.

Das Thema Abschied nehmen, erklärt Neulinger, begleitet einen Menschen sein Leben lang: Abschied vom Schnuller, Abschied von der Mama, Abschied vom Kindergarten, Abschied von der Grundschule. „Und auch hierzu gehört immer die Trauer, doch oft ist uns das gar nicht bewusst“, sagt Neulinger und rät dazu, Kinder mit zu Beerdigungen zu nehmen. „Das Kind ist dafür doch noch viel zu klein“, höre sie oft. Selbstverständlich müsse sichergestellt werden, dass sich ein Erwachsener um das Kind kümmere. Doch es müsse miteinbezogen werden. Und: Der Tod dürfe nicht tabuisiert werden. Auch nicht, wenn ein Suizid stattgefunden habe.

Neben dem Beraten und Zuhören sind es vor allem die vielen Fragen der Kinder, die die Therapeutin beantworten muss: Wie funktioniert das mit dem Verbrennen? Wie lange überleben Knochen in der Erde? Was ist eigentlich Krebs? Wo ist denn jetzt die Mama? Die Vorstellungen und Fantasien der Kinder müssen einen Raum bekommen, erklärt die Therapeutin. Mit dem Thema Trauer habe sie sich schon während ihres Studiums beschäftigt. „Natürlich muss auch ich manchmal weinen. Aber Weinen befreit“, sagt sie und lächelt. (eda)

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