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Abschied eines Drogenhelfers

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Der Leiter des Kontaktladens "Scentral", Dietmar Lange, hört nach 17 Jahren auf. Das Urgestein der Darmstädter Drogenhilfe war nach vielen Stationen zuletzt Leiter des Kontaktladens für Drogenabhängige "Scentral" in der Bismarckstraße.

Das Urgestein der Darmstädter Drogenhilfe geht zum Jahresende in Rente: Dietmar Lange war nach vielen Stationen zuletzt 17 Jahre lang Leiter des Kontaktladens für Drogenabhängige „Scentral“ in der Bismarckstraße. Am 22. November tritt er seinen letzten Arbeitstag an.

Eigentlich ist Lange Maschinenschlosser. Bei Schenck hat er gelernt. Das war in den 60er Jahren. Danach sei er um den Wehrdienst nicht herumgekommen. „Alles, was ich bei meiner Oma nicht gelernt habe, habe ich dort gelernt“, sagt er heute. „Putzen, Ordnung halten, gehorchen – das konnte ich vorher nicht.“

Nach seinem Sozialarbeiterstudium war er 1974 als Jahrespraktikant bei der Stadt erstmals mit Jugend- und Drogenberatung befasst. Damals gab es eine Gruppe kritischer Bürger, die vom Magistrat ein Drogenhilfe-Konzept forderten. „Da bin ich als unbedarfter Praktikant und Vermittler reingerutscht“, erinnert er sich. Am Ende stand der Zweckverband Jugend- und Drogenberatung der Stadt und des Landkreises. Das Angebot sollte eine Ergänzung zur Erziehungsberatung sein. Tatsächlich war die Klientel anfangs jeweils zur Hälfte Jugendliche und Drogenabhängige, sagt Dietmar Lange. Erst später kippte es Richtung Drogen.

Seit 1974 in der Beratung

Bis 1980 blieb Dietmar Lange in der Drogenberatung, fing dann aber an, Jura zu studieren. Bis 1986, nach seinem ersten Staatsexamen, hatte er mit seiner damaligen Frau Jugendliche betreut. „Wir haben mit denen zusammengelebt und Leben geübt“, sagt er. So finanzierte er sein Studium. Das zweite Staatsexamen hat er dann sausen lassen. Achselzuckend erklärt er heute, er habe dies als Fortbildung verbucht.

Ab 1986 arbeitete er wieder in der Drogenberatung, im Dieburger Gefängnis, ging 1989 in die Frankfurter Drogenhilfe und baute das Café Fix mit auf, wechselte 1992 in die Jugendhilfe als Heimleiter zunächst einer Kurzzeiteinrichtung, dann eines Heimes für unbegleitete Flüchtlingskinder, bis er 1996 endgültig nach Darmstadt zurückkam – als Leiter des damals nagelneuen Kontaktladens „Scentral“.

Der Ansatz seit damals: akzeptierende Hilfe. „Der Schwerpunkt war bis Mitte der 90er Jahre nur ausstiegsorientierte Arbeit“, resümiert er. „Der akzeptierende Ansatz kam mit der Aids-Problematik.“ Und damit kamen Substitutionsprogramme, Ambulanzen, Spritzentausch. „Mit ausstiegsorientierter Arbeit“, weiß er, „erreiche ich nur einen kleinen Teil“. Mit einem niedrigschwelligen Kontaktladen mit Substitutionsambulanz und sauberen Spritzen, einer warmen Mahlzeit und der Möglichkeit, seine Klamotten zu waschen, bekommt er sie alle. Vier Jahre hat es gedauert, „dann hatten wir alles stehen“, sagt er. Sieben-Tage-Öffnung, Arbeitsprojekt, Notschlafplätze. Nicht alles hat bis heute überdauert.

In all den Jahren hat Lange noch immer kein Rezept, das in ein drogenfreies Leben führt. „Es sind schon Leute clean geworden, von denen ich es nie geglaubt hätte“, sagt er. „Ich habe aber auch Leute mit ungeheurem Willen getroffen, die es trotzdem nicht geschafft haben.“

Was er aber geschafft hat, ist, sich auch von den schlimmsten Fällen nicht runterziehen zu lassen. „Ich habe gelernt, mich abzugrenzen“, sagt er. Ein Vorteil in der Drogenhilfe sei, dass man Klartext sprechen könne und auch nicht mit jedem Klienten klar kommen müsse.

Tragisch findet er immer, wenn sich jemand durch seine Drogensucht sein Leben so gründlich versaut hat, dass er es nicht mehr auf die Reihe kriegt, obwohl er nun alles dafür tut.

Auch wenn Dietmar Lange nach dem 22. November viel Zeit zum Spazieren gehen und Kochen hat – arbeiten wird er weiterhin: bei Mentekel, einem Verein, den er vor sieben Jahren mit Kollegen gegründet hat, und der zum Beispiel drogenabhängige Eltern und ihre Kinder betreut. rwb

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