1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Abschied von einer Legende

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der Darmstädter Bücherbus von 1975 wurde von der Mercedes-Benz-Interessengemeinschaft übernommen.
Der Darmstädter Bücherbus von 1975 wurde von der Mercedes-Benz-Interessengemeinschaft übernommen. © Guido Schiek

Der älteste Bücherbus der Republik wird nach 40 Jahren ausrangiert. 3500 Medien hatten Platz in den Regalen mit den leicht nach hinten geneigten Böden.

Nostalgie ist, wenn’s abgerissen und unpraktisch und trotzdem irgendwie schön ist. Und so kamen trotz notdürftig gespachtelter Rostflecken, trotz wenig einladendem Campingklo im Kabuff hinter dem wenig einladenden Resopalklapptisch der Ausleihe und trotz dem nicht wirklich schönen Signalorange des Lacks auf dem Vorplatz des Darmstadtiums viele nostalgische Gefühle auf. Das Team des Bücherbusses nahm Abschied von einer Legende, dem erst kürzlich und nach insgesamt 40 Jahren außer Dienst gestellten und damit mutmaßlich ältesten Bücherbus der Republik.

„Ach, mir blutet das Herz“, seufzte Fahrer Otto Schmidt. „Da ist schon Trauer“, stellte Bücherbus-Mitarbeiterin Mariela Baron fest, „ich hab‘ zehn Jahre mit ihm gearbeitet, das war schon eine schöne Zeit.“ Sie habe 30 Jahre „alle Höhen und Tiefen mitgemacht“, bilanzierte Bettina Schreiber aus der Verwaltung. Und selbst Büchereidezernent Rafael Reißer (CDU) war’s blümerant. „Ich bin mir nicht sicher, ob man nun traurig ist, oder sich freut“, sagte der Bürgermeister kurz vor der Übergabe des Schlüssels mit dem leicht verschlissenen Plüschlöwen-Anhänger an Peter Formhals. Der Darmstädter gehört zur bundesweit aktiven Mercedes-Benz-Interessengemeinschaft, die das Fahrzeug übernimmt, restauriert und dann auf Schauen zeigen will.

Peter Formhals übergab den Schlüssel umgehend an Werner Otterbach, der das Nostalgiegefährt nach Hennef in Nordrhein-Westfalen in seine Werkstatt überführen sollte. Dort würden, so schätzten es die beiden, ein sechsstelliger Betrag und mutmaßlich 10 000 Werkstattstunden nötig sein, um aus einem ziemlichen Wrack wieder ein Schmuckstück zu machen.

Fahrzeug wird ausgestellt

3500 Medien hatten Platz in den Regalen mit den leicht nach hinten geneigten Böden, resümierte Stadtbibliotheksleiterin Kristina Johne, die sich ausdrücklich beim Freundeskreis der Stadtbibliothek bedankte, der letztendlich Schuld daran war, dass das Gefährt diesen Rekord aufstellen konnte. Sie hätten die Reparaturen bezahlt, die Öffentlichkeit hergestellt und Rabatz gemacht, wenn er wieder mal abgeschafft werden sollte.

Der Bücherbus an sich war schon immer was Besonderes und Formhals weiß auch von keinem anderen noch existierenden. Die es noch gibt, seien wahrscheinlich zu Wohnmobilen umgebaut. Das Versprechen, ihn vor diesem Schicksal zu bewahren und das Problem, dass die Stadt für die Überführung des Busses ins Museum nach Berlin oder München und die Museen ihrerseits für die Restaurierung hätten bezahlen müssen, gab letztlich den Ausschlag für die IG Mercedes Benz, wie Rafael Reißer sagte.

Und dann mussten Otto Schmidt, Mariela Baron und Bettina Schreiber ganz, ganz stark sein. Werner Otterbach nahm auf dem Fahrersitz Platz – das neueste Teil im ganzen Bus, weil Otto Schmidt es aus einer Kehrmaschine ausgebaut und ersetzt hatte (Schmidt: „Auf dem alten saß man auf Metall“), ratschte mehrfach mit der Bremse und ließ den Motor an.

Er hoffe, er schaffe die Strecke, hatte Werner Otterbach zuvor gesagt und sich ein Spitzentempo von 60 vorgenommen. Sicherheitshalber fuhr aber ein Freund mit einem alten Henschel-Kipper hinterher, die Abschleppstange lag schon neben dem Fahrersitz. „Das alte Mädchen hält durch“, prophezeite gleichwohl Fahrer Schmidt, als sich Werner Otterbach ans Rangieren machte, und auch Bettina Schreiber glaubte, „der ist nicht kleinzukriegen.“

Und dann ging er auf seine vorerst letzte Reise, der älteste Bücherbus der Republik, der inzwischen einen nagelneuen Nachfolger hat. Otto Schmidt, Bettina Schreiber und Mariela Baron und die anderen winkten hinterher. Allerdings nur für die Kamera des Hessenfernsehens. (rwb)

Auch interessant

Kommentare