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Ablenkung vom tristen Alltag

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Flüchtlingsfamilien aus sieben Ländern kamen zu einer Weihnachtsfeier zusammen.
Flüchtlingsfamilien aus sieben Ländern kamen zu einer Weihnachtsfeier zusammen. © André Hirtz

Eine ungewöhnliche Weihnachtsfeier war am Samstag bei der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ im Komponistenviertel zu erleben: Die Mormonengemeinde hatte rund 20 Flüchtlingsfamilien mit knapp 50 Kindern aus Syrien, Afghanistan, Iran, Indien, Eritrea, Lettland und der Ukraine eingeladen

Es ist eine gewohnte Szene, doch diesmal steht sie unter einem speziellen Stern: Mit „Hoho“ hat der Weihnachtsmann die Bühne betreten und ist umringt von Kindern. Doch ihre Bescherung gerät zur Herausforderung – nicht nur, weil jedem Kind ein zuvor bestimmtes Geschenk zugeordnet werden muss. „Möglicherweise spreche ich die Namen nicht alle richtig aus“, stellt der Weihnachtsmann fest. „Aber ich hoffe, ihr habt Verständnis.“

Eine ungewöhnliche Weihnachtsfeier war am Samstag bei der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ im Komponistenviertel zu erleben: Die Mormonengemeinde hatte rund 20 Flüchtlingsfamilien mit knapp 50 Kindern aus Syrien, Afghanistan, Iran, Indien, Eritrea, Lettland und der Ukraine eingeladen zu einem adventlich geprägten Abend unter dem Motto „Begegnung der Kulturen“.

Es gab viele lächelnde Gesichter, ein kaltes Büffet, einen üppig bestückten Basar mit Kleider- und Spielzeugspenden und ein mehr als zweistündiges Bühnenprogramm – mit englischen Weihnachtsliedern, einer Dudelsackperformance, einem Fachvortrag über Iran sowie Gebeten auf Persisch oder Arabisch. „Normalerweise packt man zu Weihnachten Päckchen und schickt sie irgendwohin“, erläutert Gemeindesprecher Rainer Pidun, wie es zu der Idee kam. „Da dachten wir, es gibt ja auch hier Flüchtlinge vor Ort.“

Es sei, so Gemeindebischof Patrick Villwock, „eine wunderschöne Gelegenheit“, auch mal vom Alltag abzulenken. Und gerade jetzt, wo man von Fremdenfeindlichkeit in Deutschland lesen müsse, wolle man Gastfreundlichkeit zeigen. „Wir sind dankbar“, ruft er von der Bühne, „dass sie gekommen sind.“

Mensch steht im Mittelpunkt

Nur leider versteht das ein Großteil der Gäste nicht, denn die anwesenden Dolmetscher kommen an dem Abend kaum zum Einsatz. Auch vom Bühnenprogramm kommt daher sprachlich für viele nicht viel rüber. Da wird vor allem für die Kinder das Warten auf den Weihnachtsmann erst recht zur Geduldsprobe.

„Es ist ganz schwer, eine Balance zu finden“, befindet Marina Rotärmel vom Sozialkritischen Arbeitskreis, die die städtische Anlaufstelle für Flüchtlinge leitet und den Abend begleitet. Viele der Gäste seien keine Christen und würden eigentlich kein Weihnachten feiern. Aber die Feier sei ein wichtiger Beitrag zur Bildung einer offenen Willkommenskultur. Werte wie Mitmenschlichkeit und Frieden, um die es dabei gehe, „werden auch von anderen Religionen hochgehalten“, betont Marina Rotärmel.

Das ist auch das, was Goran Issa gut gefällt: „Es treffen sich viele Kulturen, der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Ethnie“, sagt der 28 Jahre alte Syrer. Issa lebt seit Anfang Dezember in Darmstadt. Er kam, weil er, in Syrien Architekturstudent und politischer Aktivist, keine Zukunft mehr sah in seiner Heimat. „Ich bin glücklich, hier zu sein.“

Pavlo Kraus blickt weniger positiv in die Zukunft. Der 35 Jahre alte Familienvater und Automechaniker ist aus der Ukraine geflohen, weil er zum Krieg habe abgezogen werden sollen und ihm bei Verweigerung Gefängnis gedroht habe. Doch seine Frau und die beiden Töchter sind noch dort, und das stimmt ihn zur Weihnachtszeit besonders traurig: „Es ist schwer, das ist ein Familienfeiertag.“ Doch heute hier zu sein, sei schön und angenehm. „Die Leute sind so nett und freundlich.“ Das sei er gar nicht gewohnt. Und das Essen, das hat ihm auch geschmeckt. Nur dem Bühnenprogramm konnte auch er so gar nicht folgen. (aw)

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