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7000 Kilometer von der Heimat entfernt

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Die 24 Jahre alte Chime Yangzom flüchtete vor 15 Jahren aus Tibet nach Indien.
Die 24 Jahre alte Chime Yangzom flüchtete vor 15 Jahren aus Tibet nach Indien. © Guido Schiek

Chime Yangzom, nunmehr 24, lebt seit mehr als einem Jahr fast 7000 Kilometer von ihrem Heimatland entfernt in Darmstadt. Sie will unbedingt Filmemacherin werden, die erste Tibets.

"Warum schicken Eltern ihre Kinder über das höchste Gebirge der Welt ins Exil, ohne zu wissen, ob sie sie jemals wiedersehen werden?“ Das wollte die österreichische Filmautorin Maria Blumencron im Jahr 2000 herausfinden und unternahm mit einem Kamerateam eine Reise in die klirrende Kälte des Himalayas. Dort ist ihr auf 5300 Meter Höhe im Grenzbereich von Tibet und Nepal eine von einem Fluchthelfer angeführte Kinderkarawane begegnet, die auf dem Weg nach Indien war und bereits einen zehntägigen Marsch hinter sich hatte.

Das Schicksal dieser sechs familien- und heimatlos gewordenen, erst sieben bis elf Jahre alten Jungen und Mädchen berührte die Dokumentarfilmerin. Erschöpft, ausgehungert und durstig, aber zum Glück ohne Erfrierungen erreichten sie ihr erstes Ziel Kathmandu. Maria Blumencron drehte über die Kinder den im ZDF ausgestrahlten Film „Flucht über den Himalaya“, schrieb mit einer von ihnen, Chime Yangzom, ein Buch: „Kein Pfad führt zurück. Aufbruch in ein neues Leben“ und übernahm für alle sechs die Patenschaft.

Chime Yangzom, nunmehr 24, lebt seit mehr als einem Jahr fast 7000 Kilometer von ihrem Heimatland entfernt in Darmstadt. Und auch das hat mit Maria Blumencron, die sie ihre zweite Mutter nennt, zu tun. Denn Chime will unbedingt Filmemacherin werden, die erste Tibets.

Lerne brav

Da sie aber kaum deutsch spricht und die Film-Ausbildung in ihrer zweiten Heimat Indien sehr viel Geld kostet, kam für sie nur eine preiswertere Hochschule in Frage, in der in Englisch unterrichtet wird. Diese Voraussetzung erfüllt die Hochschule Darmstadt, auf deren Media-Campus in Dieburg die Exiltibeterin nun studiert.

In ihrer Landestracht stellte sich die kleine, herzenswarme junge Frau kürzlich den zahlreichen Besuchern einer Veranstaltung der Darmstädter Tibet-Initiative vor. Nachdem sie den Film von Blumencron gezeigt hatte, wurde sie kurz von der Erinnerung an ihre Flucht durch eisige, unwirtliche Berglandschaften erinnert, an die Tränen ihrer kleinen Schwester Dolkar und den Schmerz, von ihrer Familie vielleicht für immer getrennt zu sein.

Das Schulgeld ist in Tibet so teuer, dass es viele tibetische Familien nicht aufbringen können. Folglich bleiben die Kinder ungebildet, was den Chinesen, die das Land beherrschen, nur recht ist: Ein ungebildetes Volk kann man einfacher regieren. In Indien aber haben die tibetischen Kinder die Chance, in einem von elf vom Dalai Lama geförderten Kinderdörfern zu lernen und ihre Kultur zu pflegen. Chime Yangzom kam ins Kinderdorf in Dharamsala und studierte später in Delhi englische Literatur. „Lerne brav und passe gut auf deine kleine Schwester auf“, gab ihr die Mutter auf den Weg. „Du musst hart studieren.“ Die junge Frau trägt immer ein Foto ihrer Familie bei sich.

Opfer der Liebe

Bei allem, was sie tut, soll ihre Mutter stolz auf sie sein. Dass die Eltern sie und ihre kleine Schwester Dolkar – die nunmehr Kinderkrankenschwester in Köln ist – weggeschickt haben, empfindet sie nicht als Zurückweisung, sondern als Opfer der Liebe. Wiedergesehen hat Chime ihre Mutter nur virtuell dank des Internets. Einzig Dhondup, eines der sechs geflüchteten Kinder, hatte das Glück, seine Mutter zu treffen. Das geschah sieben Jahre nach seiner Flucht. Sie hat es nicht mehr erkannt.

Alle sechs Tibeter leben nun in der Bundesrepublik oder in Frankreich. Sie stehen in ständigem Kontakt untereinander und kommen, so oft es geht, zusammen. Ihr Schicksal hat sie zusammengeschweißt.

Chime Yangzom lässt keinen Zweifel daran, dass sie wieder zurück nach Tibet will. Offiziell gilt sie als staatenlos. Sie hat keinen Pass, nur ein von Indien ausgestelltes „Yellow Paper“, das ihre Reisemöglichkeiten stark einschränkt. (pyp)

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