+
Werner Bach (links) lief 1600 Kilometer auf dem Shikoku-Pilgerweg in Japan...

Darmstadt

Darmstadt: Wanderer der Extreme

  • schließen

Höchste, tiefste und Mittelpunkte: Der 70-jährige Werner Bach wird von April an Deutschland durchqueren.

Werner Bach hat ein Faible für Extrempunkte. Das können höchste oder tiefste Stellen eines Landes oder zum Beispiel dessen Mittelpunkte sein. Allein Deutschland hat laut Bach neun verschiedene Mittelpunkte. Das liege an unterschiedlichen Berechnungsmöglichkeiten, etwa nach Längen und Breitengraden, nach Bildpunkten oder gar nach der Ausbalancierung, wenn man Deutschland aus einer Landkarte ausschneidet und das Papier auf eine Nadel steckt. Wenn der 70-Jährige Ende April, Anfang Mai auf seine erste Deutschlandtour quer und längs geht, wird er einige dieser Mittelpunkte besuchen können. Zum Beispiel einen in der Nähe der Wartburg bei Eisenach. Außerdem will er sich den künftigen Mittelpunkt der Europäischen Union anschauen, denn der verschiebt sich durch den Brexit um knapp 56 Kilometer südöstlich nach Gadheim in der Nähe von Würzburg.

Natürlich hat Bach über die geografischen Extrempunkte, also die äußersten Punkte Deutschlands, auch die Start- und Zielpunkte für seine Wanderung durch die Republik gefunden. Die Durchquerung beginnt im westlichsten Ort, Isenbruch, und führt zum östlichsten Punkt, der Stadt Görlitz. Sein Weg längs verläuft vom südlichsten Punkt, dem Haldenwanger Eck, bis zur nördlichsten Stadt, Glücksburg an der Ostsee. Dabei soll es auch über die Zugspitze – den höchsten Punkt Deutschlands – und zum tiefsten Punkt gehen: „Das ist eine unscheinbare Stelle bei einem Parkplatz in der Gemeinde Neuendorf-Sachsenbande in der Nähe der Nordsee“, sagt Bach.

... zum Tempel Shoryu-ji.

Für die gesamte Tour von etwa 3200 Kilometern plant er, etwa fünf Monate unterwegs zu sein. Einen Zwischenstopp wird er im heimischen Darmstadt-Eberstadt machen, um sein Outfit für die Zugspitze einzupacken.

Es ist nicht Bachs erste große Wanderung. Er war schon auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, ging zweimal auf japanische Pilgerrouten und umrundete 2013 Deutschland.

2001, mit 53 Jahren, fing er mit dem Laufen an. „Davor war ich eine Couchpotato“, sagt der ehemalige Softwareentwickler, der damals noch im Frankfurter Westend lebte. „Bewegung war mir ein Gräuel.“ Wenn seine Familie mit ihm in den Grüneburgpark wollte, habe er sich immer eine Bank für eine Pause gesucht. Auf die Idee mit dem Laufen kam er über einen japanischen Gastwissenschaftler, der sich bewegen wollte. Bachs Frau, selbst Japanerin, hörte vom Lauftreff in Eberstadt, Bach begann dort mit Nordic-Walking und ging fortan jeden Morgen um sechs Uhr, vor der Arbeit, los. Bald machte er Trainerscheine, um andere ausbilden können; Kurse bietet er noch heute beim Lauftreff an. Außerdem läuft Bach mit einer Gruppe Gleichgesinnter jeden Sonntag hoch zur Burg Frankenstein, um seine Kondition zu trainieren. Nach einer Meniskusoperation 2018 habe er damit erst wieder langsam anfangen müssen, sagt er. Um seine Gelenke zu schonen, verzichtet er bei seiner Deutschlandtour diesmal darauf, im Zelt zu übernachten.

Auch Deutschland hat er schon mal komplett umwandert.

Bach ist überzeugt, dass man sich immer – auch im Alter – mehr bewegen sollte. Arthrose etwa, die mancher als Grund vorgebe, nicht zu laufen, vergehe mit der Bewegung, weil dadurch mehr Gelenkschmiere entstehe. „Die Leute sind zu vorsichtig“, findet er.

Bis Tourbeginn plant Bach noch einige mehrtägige Trainingseinheiten, etwa zum Rheinsteig. Für ihn sind aber vor allem die langen Touren etwas Besonderes. „Man merkt, wie man dabei immer fitter wird“, sagt er. Mindestens ein bis zwei Wochen müsse man dafür aber schon unterwegs sein. Anfangs drücke noch der Rucksack, man bekomme Blasen an den Füßen. „Doch mit der Zeit kommt das innerliche Loslassen. Als Fußgänger sieht man viel mehr kleine Dinge am Wegesrand“, und auch, wie sich die Natur von Tag zu Tag verändere, die Gerüche und Farben intensiver würden. Dabei ist der 70-Jährige am liebsten alleine – dann muss er keine Kompromisse eingehen, kann pausieren und die Natur genießen, wie er will. Denn Bach ist auch ein passionierter Fotograf, und zu seiner Wanderroutine gehört es, dass er abends im Zelt oder demnächst eben in der Pension sitzt und ein Tagebuch online verfasst, das er mit neuesten Impressionen bestückt.

Täglich berichtet Werner Bach unter www.deutschland-zu-fuss.com von seiner Deutschlandtour.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare