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430 Asylsuchende in Kelley-Barracks in Darmstadt eingezogen

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Von: Claudia Kabel

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In vier Häusern des reaktivierten Standorts Kelley Barracks sind die Geflüchteten untergebracht.
In vier Häusern des reaktivierten Standorts Kelley Barracks sind die Geflüchteten untergebracht. © Renate Hoyer

Nach der Starkenburgkaserne ist nun auch die ehemalige Kaserne „Kelley-Barracks“ als zweite Erstaufnahmeeinrichtung in Darmstadt in Betrieb. Betrieben wird sie vom RP Gießen.

Immer mehr Menschen sind auf der Flucht und suchen in Deutschland Schutz. Nicht nur Ukrainerinnen und ihre Kinder kommen, auch die Sekundärmigration aus dem Mittelmeerraum habe sich verstärkt, sagte der Gießener Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU) am Mittwoch in Darmstadt. Dort hat das Land dieser Tage eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung reaktiviert: die Kelley Barracks an der Eschollbrücker Straße. Es ist eine von neun Erstaufnahmeeinrichtungen, die das Regierungspräsidium (RP) Gießen für das Land über ganz Hessen verteilt betreibt. In Darmstadt befindet sich bereits eine Erstaufnahmeeinrichtung in der Starkenburgkaserne mit Platz für 550 Menschen.

Während das RP Gießen für die Erstaufnahme aller Asylsuchenden in Hessen zuständig ist, ist das RP Darmstadt für die Verteilung der Menschen in die Kommunen verantwortlich. „Wir sind die Schnittstelle zwischen Gießen und den Kommunen“, sagte die Darmstädter RP-Präsidentin Brigitte Lindscheid (Grüne).

In den Erstaufnahmeeinrichtungen sollen laut Ullrich die Asylverfahren geführt werden. Ukrainische Flüchtlinge werden indes sofort in die Kommunen verteilt. Alle anderen Geflüchteten mit einem Asylbegehren bleiben 18 Monate in einer Erstaufnahme, Familien sechs Monate, so der RP-Präsident. Die Dauer sei gesetzlich festgelegt und im September 2019 verlängert worden. Hintergrund ist, dass Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird, dadurch leichter abgeschoben werden können, als wenn sie bereits in Kommunen untergebracht wären.

So sehen die Zimmer in der Erstaufnahmeeinrichtung aus.
So sehen die Zimmer in der Erstaufnahmeeinrichtung aus. © Renate Hoyer

Darmstadts Bürgermeisterin Barbara Akdeniz (Grüne) kritisiert dies: „Es ist schlecht für die Integration, wenn Menschen zu lange in Erstaufnahmeeinrichtungen leben.“ Dennoch begrüße sie ausdrücklich die Reaktivierung des Standorts Kelley Barracks. Darmstadt sei eine weltoffene Stadt und habe den „Anspruch und die Verpflichtung, möglichst vielen Menschen eine Perspektive auf ein Leben in Ruhe, Frieden und Demokratie“ zu geben.

Auch Ullrich betonte, es sei wichtig, „vernünftige, menschenwürdige Unterkünfte zu bieten, nicht nur ein Dach und ein Bett“.

Auf den ehemaligen Kelley Barracks zogen im Juni die ersten Bewohner:innen ein – inzwischen sind es 430 Menschen –, „vor allem kurdischer, afghanischer und syrischer Herkunft, aber auch aus vielen anderen Ländern außer der Ukraine“, sagt Standortleiter Robert Schlappner. Noch sei nicht alles fertig – zum Beispiel kann ein Gebäude, das Platz für weitere 300 Menschen biete, noch nicht bewohnt werden, da es baulich noch ertüchtigt werden müsse. Auch mit der Beleuchtung auf dem Areal, die noch an die Straßenbeleuchtung angeschlossen sei, gebe es Probleme.

Auf der Flucht

In Hessens Erstaufnahmeeinrichtungen lebten im September 2019 rund 1600 Geflüchtete, heute sind es 7500. Pro Tag gibt es derzeit 200 Zugänge.

36 Prozent der Asylsuchenden kamen im Vorjahr aus Afghanistan; 20,2 Prozent aus Syrien; 8,8 Prozent aus der Türkei.

Für Geflüchtete aus der Ukraine sind nicht die Erstaufnahmeeinrichtungen zuständig. Dennoch wurden hier seit Kriegsbeginn 20 000 Flüchtlinge „durchgeschleust“. cka

Indes ist der Kindergarten in Betrieb, es finden Sprachkurse für Erwachsene statt, nach denen es eine rege Nachfrage gebe, und schulpflichtige Kinder erhielten Unterricht in Deutsch und Mathe, wie Orsalya Lapos vom RP Gießen berichtet. Insgesamt leben einhundert Kinder in der Unterkunft. In Zimmern mit bis zu acht Betten wohnen Familien sowie Frauen getrennt von alleine reisenden Männern.

In einem Thermozelt wurde eine Kantine mit Biertischen eingerichtet, im Trakt daneben ist die Verwaltung und das medizinische Zentrum untergebracht. Hier steht ein Arzt zur Verfügung sowie weiteres medizinisches Personal; der Psychosoziale Dienst hilft bei seelischen Leiden.

„Die Zäune um das Gelände dienen dem Schutz der Geflüchteten“, betont Schlappner. Jeder könne die Unterkunft jederzeit verlassen, und dies werde auch rege getan. Andere nutzen das sonnige Wetter zum Plausch auf den großzügigen Rasenflächen zwischen den einzelnen Gebäuden, Kinder spielen Tischtennis.

Die Kaserne wurde 1936 von der Wehrmacht erbaut und bis zur Übernahme durch die amerikanischen Streitkräfte 1945 „Leibgarde-Kaserne“ genannt. Nach dem Abzug der Amerikaner 2008 lag das gut 48 Hektar große Gelände brach.

An der Einfahrt in das umzäunte Gelände ist der Hinweis auf die Erstaufnahmeeinrichtung angebracht.
An der Einfahrt in das umzäunte Gelände ist der Hinweis auf die Erstaufnahmeeinrichtung angebracht. © Renate Hoyer

2015 war die Kaserne schon einmal vorübergehend für die Erstunterbringung durch das Land genutzt worden. 2016 wurde der Standort an die Stadt zurückgegeben, um dort die kommunal zugewiesenen Flüchtlinge zu beherbergen. Für diese eröffnete die Stadt unterdessen sogenannte Erstwohnhäuser, in denen aktuell 923 Menschen leben.

Im November 2021 beschloss das Land, den Standort Kelley Barracks zu reaktivieren. Laut Bürgermeisterin Akdeniz gibt es gerade in der das Gelände umgebenden Heimstättensiedlung eine große Bereitschaft von Ehrenamtlichen, die Geflüchteten bei der Integration zu unterstützen.

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