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Oft hilft ein ruhiges Gespräch, damit die Situation nicht eskaliert.

Gesundheit

Mit Patienten auf Augenhöhe sprechen

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Das Darmstädter Vorbild steht als Musterbeispiel im hessischen Koalitionsvertrag.

Herr Müller klopft an die Tür: „Ihr wolltet mich doch um 12 Uhr rauslassen.“ Antwort des Pflegers: „Wir haben gerade Teambesprechung, stören Sie uns nicht!“ Für den Psychiatrie-Patienten ist das verletzend. Er fühlt sich machtlos, das Versprechen wurde nicht eingehalten. Er wirft aus Wut eine Tasse gegen die Wand. Für das Pflegepersonal ist das schon eine Aggression, die zur Eskalation führt – also zur Fixierung. Sechs Mann stürmen das Zimmer und schnallen den Patienten fest. Die Situation ist nur nachgespielt.

Rollenspiele sind ein Teil der Workshops, die Volkmar Aderhold vom Institut für Sozialpsychiatrie der Universität Greifswald für multiprofessionelle Teams in der Psychiatrie anbietet. Sie sollen das Personal sensibilisieren. Der Psychiater reist seit 13 Jahren durch die Republik, um ein Konzept namens Offener Dialog bekanntzumachen. Inzwischen hat sich ein Netzwerk gegründet, das die Weiterbildungen vermittelt. Entwickelt wurde die Methode in Finnland, wo es – wie in vielen anderen EU-Ländern – im Verhältnis etwa halb so viele Betten in der Psychiatrie gibt wie in Deutschland.

Zum Offenen Dialog gehört, dem Klienten auf Augenhöhe zu begegnen, seine Belange ernstzunehmen und mit ihm gemeinsam Lösungswege zu finden. Wie hätte die geschilderte Situation anders verlaufen können? In der Rekonstruktion schlüpfen Pflegepersonen in die Rolle der Patienten. „Wenn sie erkennen, unter welchen Bedingungen der andere im Dialog ist, kann es zu einer gelingenden Interaktion kommen“, sagt Aderhold im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

„Wie geht’s dir? Komm, wir gehen eine rauchen.“ Patienten, die frühzeitig so angesprochen werden, werfen keine Tasse gegen die Wand, sagt Aderhold. Leider trauten sich viele Pflegende nicht, so auf Patienten zuzugehen. Davon abgesehen fehle aufgrund von Personalmangel, den viele Klinken zwecks Gewinnoptimierung in Kauf nehmen, auch die Zeit dafür. Andererseits seien diejenigen, die einmal das Prinzip verinnerlicht hätten, zufriedener mit ihrer Arbeit. Denn das Personal auf den geschlossenen Stationen habe leider zu oft die Sicht: Zu uns kommen nur die schlimmsten Fälle.

Aderhold fordert eine andere Haltung gegenüber den Klienten, die sich auch in gemeinsamem Frühstück oder dem Abschaffen der Stationstüren zeigen kann. Bisher hat Aderhold, der selbst unter anderem zehn Jahre Oberarzt einer Psychiatrie in Hamburg war, 2000 Mitarbeiter von Kliniken, Einrichtungen und Verbänden geschult.

Der Caritas-Verband Darmstadt ist der erste Anbieter in Hessen, der den Offenen Dialog etabliert hat. 100 Mitarbeiter des Krisendienstes Südhessen seien bisher geschult worden, sagt Vorstandsreferent Bastian Ripper, der das Konzept 2010 in Berlin kennenlernte. Der Offene Dialog sei ein „Meilenstein in der Psychiatrie“. Nichts werde über den Kopf des Patienten hinweg entschieden, was sonst oft zu Gegenwehr führe.

Die Methode zielt laut Aderhold vor allem darauf, eine stationäre Behandlung zu vermeiden. Hauptform ist das sogenannte Netzwerkgespräch. Hier kommen die Beteiligten mit dem Patienten zusammen – also auch Familienangehörige oder Freunde. Moderiert werden die Treffen von zwei Fachkräften. „Sämtliche Pläne und Entscheidungen zur Handhabung der Situation werden in Anwesenheit aller gemacht“, sagt Ripper.

Und das Konzept habe Strahlkraft. Auch die Sozialpsychiatrischen Dienste in Frankfurt und Wiesbaden sowie die Frankfurter Werkgemeinschaft schulten inzwischen Mitarbeiter im Offenen Dialog. Im hessischen Koalitionsvertrag wird das „Darmstädter Vorbild“ als Musterbeispiel für Hessen aufgeführt.

Selbsthilfe in Hessen im Überblick

Landesverband Psychiatrie-Erfahrene Hessen, Telefonnummer 06128 / 936 33 11, info@lvpeh.de

Selbsthilfe Plus“ im Gesundheitsamt Frankfurt, jeden ersten und dritten Freitag im Monat, 19 bis 21 Uhr, E-Mail-Kontakt über alexander.kummer@gmx.net 

Anlaufstelle „Seelische Gesundheit“ Rhein-Main, jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr, Haus der Volksarbeit, Frankfurt

Selbsthilfegruppe psychotisch veranlagter Menschen in Wiesbaden, selbsthilfe-gemeinschaft@gmx.de Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker: https://n.angehoerige-hessen.de Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker: www.angehoerige-frankfurt.de

Ex-In Hessen, Auf der Weide 1, 35037 Marburg, unter Telefon: 06421 / 917 75 46 oder 0163 / 908 39 14.

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