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Generalmusikdirektor Daniel Cohen im Staatstheater Darmstadt. Foto: Rolf Oeser
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Generalmusikdirektor Daniel Cohen im Staatstheater Darmstadt.

PORTRÄT DER WOCHE

Darmstadt: Keine Angst vor Richard Wagner

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Daniel Cohen, Generalmusikdirektor am Staatstheater Darmstadt, dirigiert hier auch Stücke des antisemitischen Komponisten - in Cohens Heimat Israel wäre das bis heute unmöglich

Es war ein Tabu, fast als würde man Haschisch oder Sexheftchen unter der Schulbank tauschen: Daniel Cohen, Generalmusikdirektor des Staatstheaters Darmstadt, 1984 im israelischen Netanya geboren, kann sich noch genau an seine erste Begegnung mit dem Werk des Komponisten Richard Wagner erinnern. Ein Mitschüler steckte dem musikbegeisterten Teenager heimlich eine CD zu, wie er erzählt. „Ich habe die Musik dann zu Hause gehört, und es war eine Entdeckung.“

Der glühende Antisemit Richard Wagner, gestorben 1883, wird in Israel bis heute nicht gespielt, der inoffizielle Boykott hat eine lange Tradition, die älter ist als der 1948 gegründete Staat, wie Cohen erklärt. Es war eine Reaktion auf die Pogrome 1938 in Deutschland. Das „Palestine Symphony Orchestra“, das spätere „Israel Philharmonic Orchestra“, das eigentlich einige Stücke Wagners im Programm hatte, strich diese daraufhin – der Bann dauert bis heute fort. Versuche, Hitlers Lieblingskomponisten seither in Israel aufzuführen, gelten als Provokation.

„Das Trauma ist nicht tot, sondern immer noch sehr groß. Wagner ist nicht offiziell verboten, aber ein kulturelles Tabu. Das war nicht immer so. Viele jüdische Musiker wie Gustav Mahler waren zuvor begeisterte Interpreten oder Dirigenten seiner Werke. Der erste Zionistenkongress in Basel wurde 1897 sogar mit Wagners ‚Tannhäuser‘ eröffnet. Das war kein Problem“, sagt der 37-jährige vielfach preisgekrönte Dirigent.

Er hat den Komponisten immer wieder im Leben gespielt und setzt ihn jetzt aktuell in diesen Tagen zweimal und im Frühjahr gleich noch mal aufs Programm des Darmstädter Staatstheaters. Der „Lohengrin“ war Anfang 2020 fast fertig und wurde dann wegen der Corona-Pandemie nicht mehr aufgeführt. Nun soll die Oper im Mai dieses Jahres Premiere feiern.

„Ich bin hier nie unter Druck gewesen, Wagner ins Programm zu nehmen. Das mache ich ganz freiwillig“, betont er. „Man muss akzeptieren, dass manchmal die langweiligste und uninspirierteste Musik von tollen Menschen komponiert wird. Ich würde Wagner gerne nicht als Symbol, sondern als Komponisten wahrnehmen. Weltkultur ohne Antisemitismus – da bleibt nicht viel. Das ist traurig, aber es ist so“, sagt er.

Cohen, der auch ausgebildeter Geiger ist, spielte Wagner selbst erstmals in Daniel Barenboims bekanntem „West-Eastern Divan Orchestra“. „Damals gab es große Diskussionen“, berichtet Cohen. „Das Orchester hatte sich das gewünscht, und der Dirigent Barenboim hat es darüber entscheiden lassen. Da gab es eine lange Diskussion. Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis, wie er uns den ‚Tristan‘ und ‚Die Walküre‘ am Klavier sitzend erklärt hat, ohne Noten, alles aus dem Kopf spielend.“

Wagner sei problematisch, das sagt der Dirigent ganz deutlich, aber er sei eben auch „ein Teil unserer Geschichte“. „Die Welt der Musik ohne Wagner ist wie Physik ohne Newton oder Psychologie ohne Freud“, sagt er. Diese Welt ist allerdings groß, sogar sehr groß, und Cohen ist offen für vieles.

Seit Daniel Cohen in der Spielzeit 2018/19 ans Staatstheater Darmstadt kam, forscht er hier in den Archiven und hat unter anderem für das Barockfest Darmstadt Werke des Hofkapellmeisters Christoph Graupner ausgegraben. „Mit Graupner und Telemann, der auch für den Hof geschrieben hat, war das 18. Jahrhundert hier ein goldenes Zeitalter“, sagt er begeistert. „Sogar Vivaldi hat eine Oper für eine Hochzeit in Darmstadt komponiert, und seine ‚Vier Jahreszeiten‘ wurden hier ebenfalls aufgeführt.“

„Hier ist ein Stück Himmel“

Cohen hat aber auch ein Faible für die früh verstorbene Jugendstilkomponistin Lili Boulanger, genauso wie für Neue Musik. „Darmstadt war eines der Zentren“, schwärmt er. Große Dirigenten waren seine Vorgänger. Es gebe so viel zu entdecken. Jahrelang war Cohen Schüler des Gegenwartskomponisten Pierre Boulez. In Darmstadt lebe er nach Berlin, New York und Los Angeles sehr gerne, sagt er. „Das Staatstheater, meine Kollegen, viele fantastische Menschen, das ist für mich ein Stück Himmel“, sagt er mit einem Lachen.

Würde Cohen denn auch Musik des bekennenden Nationalsozialisten Hans Pfitzner aufführen, der noch nach Kriegsende 1945 den Holocaust rechtfertigte? „Bei meinem Vorgänger haben wir Pfitzner tatsächlich gespielt. Ich dirigiere ihn nicht, weil ich ihn nicht interessant genug finde.“

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