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Darmstadt: Giftmischerin muss nach Anschlag in die Psychiatrie

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Von: Jens Joachim

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Ein Wachtmeister führt die Beschuldigte am Dienstag zu ihrem Platz im alten Schwurgerichtssaal des Darmstädter Landgerichts.
Ein Wachtmeister führt die Beschuldigte am Dienstag zu ihrem Platz im alten Schwurgerichtssaal des Darmstädter Landgerichts. © Jens Joachim

Das Darmstädter Landgericht hat nach dem Giftanschlag in einem Gebäude der Technischen Universität Darmstadt auf dem Campus Lichtwiese die Unterbringung der Beschuldigten in einer Klinik angeordnet.

Darmstadt - Nach dem Giftanschlag in einem Gebäude der Technischen Universität (TU) Darmstadt im August vorigen Jahres ist das Sicherungsverfahren gegen eine 33-jährige Frau aus Mainz mit einem „lapidaren Satz“ beendet worden, wie sich der Vorsitzende Richter Volker Wagner ausdrückte. „Im Namen des Volkes wird die Unterbringung der Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet“, so lautete der für die Frau entscheidende und folgenreiche Satz.

Die Urteilsverkündung erfolgte bereits am achten Verhandlungstag, nachdem das Landgericht zunächst Termine bis Februar kommenden Jahres angekündigt hatte, weil die Staatsanwaltschaft mehr als 100 Zeuginnen und Zeugen benannt hatte.

Giftanschlag an der TU Darmstadt: Landgericht verkündet Urteil

Der federführende Staatsanwalt Ansgar Martinsohn habe mit Unterstützung einer teilweise aus rund 50 Personen besetzten Sonderkommission der Polizei bei den Ermittlungen und der Anklageerhebung sein „Glanzstück abgeliefert“, äußerte Richter Wagner, als er am Dienstagmittag im alten Schwurgerichtssaal das Urteil der aus drei Berufsrichtern, einer Schöffin und einem Schöffen besetzten 11. Großen Strafkammer des Landgerichts begründete.

Die 33-Jährige, die seit 2017 Materialwissenschaften an der TU Darmstadt studierte, nachdem sie zunächst in Marburg Archäologie studiert hatte, wird nun vorerst unbefristet in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht, so wie dies Staatsanwalt Martinsohn und auch Christian Kunath, einer der beiden Pflichtverteidiger der Beschuldigten, in ihren Plädoyers beantragt hatten.

Giftattacke in Darmstadt: Beschuldigte leidet an einer paranoiden Schizophrenie

Björn Seelbach, der zweite Pflichtverteidiger der Frau, hatte hingegen – ganz im Sinne der Beschuldigten – eine ambulante Therapie auf Bewährung und nicht die Unterbringung in einer geschlossenen Klinik beantragt. Diesen Antrag lehnte die Kammer allerdings ab. „So weit ist die Beschuldigte noch nicht“, äußerte Richter Wagner in der Urteilsbegründung.

Bei der Frau hatten Ärzte eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Sie hatte in der vergangenen Woche in einer von ihrem Verteidiger vorgetragenen Einlassung gestanden, in der Nacht zum 23. August 2021 mehrere Chemikalien in Wasserbehälter, Milchtüten und ein Glas Honig gefüllt zu haben.

Am 23. August 2021 eilten auch etliche Rettungssanitäter zum Tatort in das Gebäude L2|01 des Instituts für Materialwissenschaft an der Alarich-Weiss-Straße auf dem Außencampus Lichtwiese der TU Darmstadt.
Am 23. August 2021 eilten auch etliche Rettungssanitäter zum Tatort in das Gebäude L2|01 des Instituts für Materialwissenschaft an der Alarich-Weiss-Straße auf dem Außencampus Lichtwiese der TU Darmstadt. © Jens Joachim

Kranke Studentin wollte Angehörige der TU Darmstadt vergiften

Sie wollte auf diese Weise Angehörige des Fachbereichs Materialwissenschaften vergiften, weil sie sich krankheitsbedingt bedroht und verfolgt fühlte. Sieben Menschen konsumierten den Chemikalienmix beim Trinken von Kaffee oder Tee. Ein Wissenschaftler befand sich kurzzeitig in Lebensgefahr. In dem Verfahren bestritt die Beschuldigte jedoch den Vorwurf des versuchten Mordes.

Staatsanwalt Martinsohn sagte in seinem Plädoyer, die psychische Erkrankung habe sich bei der ehemaligen Studentin etwa seit Ende 2019 oder Anfang 2020 entwickelt. Nachdem es während ihrer Jugendzeit und während ihres Studiums in Marburg und auch zu Beginn ihres Studiums in Darmstadt „keine Auffälligkeiten“ gegeben habe, sei es ihr im Wintersemester 2019/20 etwa nicht mehr möglich gewesen, sich für Kurse anzumelden, und sie habe beim Gespräch etwa mit einer Studienkoordinatorin Blickkontakte gemieden.

Frühere Studentin der TU Darmstadt litt unter Wahnvorstellungen

Seit dem Frühjahr habe sie dann bei mehreren Stellen und Behörden einige Strafanzeigen etwa wegen des Verdachts des Cybermobbings gestellt. Im Sommer 2020 habe sich die Frau dann „völlig abgeschottet“, habe schwere Wahnvorstellungen entwickelt und sei nach Internetrecherchen gedanklich Verschwörungsmythen gefolgt. Anwalt Kunath sprach von einem „großen Leidensdruck“.

Richter Wagner äußerte die Hoffnung, das Urteil könne „ein schneller Anfang für die Gesundung der Beschuldigten“ sein. In den vergangenen Jahren habe sie in ihrem Wahn „Dinge wahrgenommen, die wir als bizarr bezeichnen“, sagte der erfahrene Richter.

Giftanschlag an der TU Darmstadt: Urteil noch nicht rechtskräftig

So habe sie etwa Bilder von Folter und Vergewaltigung in ihrem Kopf als real angesehen und sei offenbar davon überzeugt gewesen, gegen vermeintliche „Gang-Stalker“ vorgehen zu müssen.

Der Richter ermutigte die Frau, sich nun „in die Hände der Ärzte zu begeben, um wieder zu sich zu finden“. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. (Jens Joachim)

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