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Die neue Lach- und Schießgesellschaft lässt ihr Publikum in Aschaffenburg ratlos zurück.
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Die neue Lach- und Schießgesellschaft lässt ihr Publikum in Aschaffenburg ratlos zurück.

Neue Lach- und Schießgesellschaft

"Darf ich Ihnen mein Beileid ausdrucken?"

  • Wolfgang Heininger
    VonWolfgang Heininger
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So hat man die Münchener Lach- und Schießgesellschaft noch nicht gesehen und gehört. Das Programm des neuen Ensembles ist eher Kammerspiel denn Kabarett.

Die jungen Akteure ließen das Publikum am Donnerstag im Aschaffenburger Hofgarten reichlich ratlos zurück. Das Stück „Wer sind wieder wer“ war nun wirklich etwas ganz anderes als der „konservative“ Kleinkunstgänger gewohnt ist. Einer oder eine, die – so drückte es weiland der Satire-Großmeister Volker Pispers aus – sich mit der Eintrittskarte quasi eine Ablassbescheinigung holte, um den Kindern sagen zu können: Ich war doch auch gegen die herrschenden Verhältnisse. Ich habe mir meine kritische Haltung im Kabarett bestätigen lassen. Und noch herzlich dabei gelacht.

Um mit letzterem anzufangen. Gelacht wurde an diesem Abend nur selten. Und auf die Schenkel geklopft schon gar nicht. Auf viele wirkte der „mäandernde Pfad der Assoziationen“ – wie es die Truppe charakterisiert – statt des Buhlens um Zustimmung und des Abwatschens von Politikern eher „strange“. Das kühl-distanzierte Experimentieren mit Wörtern, Sätzen und Situationen verstörte anstatt mitzureißen. Da war lange kein Funke, der hätte überspringen können.

Erst im letzten Drittel vermochten es Kammerschauspielerin Caroline Ebner, Komponist und Gitarrist Norbert Bürger, Sebastian Rüger sowie Frank Smilgies, die auch als Ulan & Bator auftreten, die Besucher langsam auf ihre Seite zu ziehen. Da war es dann aber auch schon vorbei.

Dabei hatte dieses szenische Arrangement mit manchmal schrillem musikalischen Überbau zwischen Haydn und Rammstein durchaus bemerkenswerte Momente. So der Griechen-Monolog, der in der bitteren Erkenntnis gipfelt, dass die EU den Erfindern der Demokratie in ihrer Not nichts weiter zugestehen als Hunderttausende von Geflüchteten.

Oder in der Personifizierung des Nestlé-Chefs Peter Brabeck-Letmathe, der nichts dabei findet, dass sein Konzern vielen Menschen buchstäblich das Wasser abgräbt. Der sich nach Recherchen von Kritikern überall auf der Welt lukrative Quellen sichert, auf die die Anwohner dann keinen Zugriff mehr haben. Sie müssen das Wasser dann teuer von den neuen Besitzern zurückkaufen. Das Ensemble malt das Menetekel an die Wand, dass Nestlé oder ein anderer Multi noch eine Schritt weitergehen und sich die Verkaufsrechte an atembarer Luft sichern könnte...

Herzallerliebst die Szene, da sich ein Proleten-Ehepaar am Strand sonnt und in abgeschmackten Dialogen ergeht, während sich sein Baby in philosophischen Betrachtungen über Werden und Vergehen verliert. Und wie gespenstisch wieder eine abendliche Szene am Mittelmeer, bei der betrunkene Urlauber über angeschwemmte Leichen von Geflüchteten stolpern.

Das ist dann das Politische im Privaten, ein Kabarett, das mit den Ensembles nach 1956 und 1976 nur noch den Namen gemein hat. Das ist manchmal eine Diskussion von Studenten der Sozialwissenschaften, manchmal Dada, manchmal purer Surrealismus und immer provozierend: Reich ist, wer eine Leber hat, die 40 Jahre jünger ist als er. Neid ist die Würde des kleinen Mannes. Gesund ist Jogging, wenn auch nicht für die Gelenke.

Und dann ist da noch der Satz, der das Computerzeitalter so kurz und prägnant beschreibt wie nur wenige: „Darf ich ihnen mein Beileid ausdrucken?“

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