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Ein Transparent gegen die Rodung des Dannenröder Forsts hängt an einer Barrikade im Wald. „Ich schätze, dass vielleicht 90 Prozent sich völlig friedlich verhalten“, sagt Beobachter Ralf Müller über die Waldbesetzer:innen.
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Ein Transparent gegen die Rodung des Dannenröder Forsts hängt an einer Barrikade im Wald. „Ich schätze, dass vielleicht 90 Prozent sich völlig friedlich verhalten“, sagt Beobachter Ralf Müller über die Waldbesetzer:innen.

Verkehrswende

Konflikt um Dannenröder Forst: „Der Riss geht durch die Dörfer, durch Familien“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Der Konflikt um den Ausbau der A 49 und die Rodung im Dannenröder Forst hat die Fronten verhärtet. Der kirchliche Beobachter Ralf Müller versucht vor Ort, zu deeskalieren - ein fast unmögliches Unterfangen.

  • Der Konflikt um den Ausbau der A 49 und die Rodung im Dannenröder Forst verhärtet die Fronten in der Region, berichtet der kirchliche Beobachter Ralf Müller im Interview.
  • Er geht davon aus, dass sich etwa 90 Prozent der Menschen, die den Dannenröder Forst schützen wollen, friedlich verhalten.
  • „Der Rest sind Krawalldemonstranten“, sagt Müller, ihnen gehe es „einzig um Krawall mit der Polizei“.

Homberg/Ohm - Ralf Müller ist seit acht Wochen im Dauereinsatz. Mit ihm bemühen sich rund 30 weitere Beoachter:innen im Auftrag der evangelischen Kirche, im Konflikt um die Rodungen für den Ausbau der Autobahn 49 zu deeskalieren. Ein fast unmögliches Unterfangen.

Herr Müller, Anfang der Woche mussten Sie eine kurze Auszeit nehmen. Was hat Sie so fertiggemacht?

Wir erleben hier in Homberg/Ohm seit mehreren Wochen eine Ausnahmesituation. Es fahren an manchen Tagen im Minutentakt polizeieskortierte Kipper-Sattelzüge, die zum Homberger Stadtteil Dannenrod wollen. Es finden verdachtsunabhängige Polizeikontrollen statt. Man kann hier in der Region das Haus nicht mehr ohne Personalausweis verlassen. Dazu kommen die Belastungen der vergangenen beiden Sonntage. Diese beiden Feiertage sollten der Besinnung dienen, stattdessen dröhnten immer wieder Polizeihubschrauber über die Orte. Es ist eine ganz angespannte Situation.

Dannenröder Forst: Auch Kommunikatoren der Polizei sollen deeskalieren

Sie und die anderen kirchlichen Beobachter:innen sind als Mediator:innen in der Region unterwegs. Wie erleben Sie die Rolle der Polizei?

Wir sind bei der Polizei akkreditiert und haben schon im Vorfeld gesagt, dass wir versuchen wollen, zu deeskalieren. Das sollen auch die Kommunikatoren der Polizei tun. Das klappt unterschiedlich gut. Ich erlebe Beamte, die eine Law-and-Order-Einstellung haben. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen. Auf der anderen Seite gibt es Beamte, die stärker auf Deeskalation achten. Das ist auch situationsabhängig. Wenn gerade Pyrotechnik hochgeht, ist die Anspannung sehr hoch. Das wird als Angriff erlebt. Wenn es ruhiger zugeht, sind auch die Polizistinnen und Polizisten entspannter.

Ralf Müller ist als kirchlicher Beobachter im Dannenröder Forst unterwegs und versucht, zu deeskalieren.

Und die Aktivist:innen? Sind die auf Krawall gebürstet?

Die Polizei spricht von 200 bis 300 Personen, die sich im Wald aufhalten. Wir sind seit August dort regelmäßig unterwegs, um diese Menschen kennenzulernen. Es sind sehr junge Menschen – 18- bis 25-Jährige. Mein Eindruck ist, das ist die Fridays-for-Future-Generation, die festgestellt hat, dass Proteste auf der Straße nichts bringen. Deshalb sind sie in die Bäume gegangen. Ich schätze, dass vielleicht 90 Prozent sich völlig friedlich verhalten. Der Rest sind Krawalldemonstranten, denen es weder um Klimawandel noch um Verkehrswende geht, sondern einzig um Krawall mit der Polizei.

Dannenröder Forst: Aktivist:innen fühlen sich „in ihrer Sicherheit gefährdet“

Könnten diese zehn Prozent Oberhand gewinnen oder der Frust der anderen in eine Radikalisierung münden?

Der Frust bei den 90 Prozent ist auch hoch, weil sie sich in ihrer Sicherheit gefährdet fühlen. Es gab mehrere Vorfälle, in denen die Sicherheitsseile der Konstruktionen im Wald gekappt wurden. Das werfen sie der Polizei vor. Menschen sind dadurch aus großer Höhe gestürzt. Das wird bei der Polizei intern aufgearbeitet, es liegen vermutlich auch Anzeigen vor. Diese Vorfälle führen zu einem großen Frust, weil die Waldbesetzenden davon ausgingen, dass die Polizei sie sicher runterholt. Das kann tatsächlich zu stärkerer Eskalation führen.

Zur Person

Ralf Müller (52) wohnt in Homberg/Ohm. Beim evangelischen Dekanat Vogelsberg ist er Fachreferent für Erwachsenenbildung und Ökumene. Der Theologe ist gelernter Mediator und koordiniert die Beobachtung im Dannenröder Forst, an der hauptsächlich Ehrenamtliche mitwirken.

Vor einem Jahr sind die ersten drei Baumhäuser entstanden. Im Sommer kamen viele hinzu. Die Menschen dort empfinden sich als Lebensgemeinschaft, ein Stück weit auch mit Lagerfeuerromantik. Wenn die hier roden, nehmen sie ihnen ihr Zuhause. Das nimmt die Leute dort auch emotional gefangen. Und was emotional ist, kann zu unbedachtem Verhalten führen.

Dannenröder Forst: „Der Riss geht durch die Dörfer, durch Familien“

Sie sagen, die Bevölkerung fühlt sich zeitweise wie im Besatzungszustand. Es gibt ja auch die Befürworter des Autobahnausbaus. Gibt es da eine Spaltung?

Ich persönlich misstraue jedem, der von der großen Mehrheit der Bevölkerung spricht. Ich schätze, dass wir in den Ortschaften ein 60-zu-40-Verhältnis haben. Ich weiß nicht, wer die Mehrheit hat. Der Riss geht durch die Dörfer, durch Familien. In Dannenrod gehen sich Bewohner aus dem Weg, weil sie unterschiedlicher Meinung sind. So aufgeheizt ist die Stimmung vor Ort.

Das alles wegen einem Stück Autobahn. Wie lässt sich ein solcher Konflikt lösen?

Der Konflikt ist nicht lösbar. Dafür ist die Anspannung zu groß. Durch den massiven Polizeieinsatz, durch die Veränderung der Heimat – es wird eine breite Schneise durch den Wald geschlagen. Es ist momentan kein Gespräch zwischen den beiden Seiten möglich. Es prallen höchsten Positionen aufeinander. Diesen sozialen Kollateralschaden des Autobahnausbaus müssen wir vom nächsten Jahr an versuchen zu beheben. Wir müssen überlegen, wie wir die Menschen wieder zusammenführen. Es geht um Fragen, wie der Verkehr der Zukunft aussehen soll, welche Verkehrsanbindung ein ländlicher Raum wie der Vogelsberg braucht. Letztlich wird ein globaler und bundesdeutscher Konflikt auf dem Rücken der hiesigen Dörfer ausgetragen. Nicht im Bundestag, nicht im Landtag. Es wird den Menschen hier zugemutet.

Dannenröder Forst: „Aufreibendes Tagesgeschehen“

Die Weihnachtszeit ist die Zeit des Friedens und der Wünsche. Was wünschen Sie sich?

Die Rodungs- und Bauarbeiten müssen an den Adventssonntagen ausgesetzt werden. Die in der Region lebenden Menschen brauchen Pausen, um abzuschalten, zur Ruhe kommen zu können. Die Aktivisten werden die Pause sicher dazu nutzen, neue Barrikaden zu bauen, neue Traversen zu spannen. Doch Pausen deeskalieren. Auch die Waldarbeiter brauchen sie.

Was kommt nach den Rodungen?

Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zwei Wochen alle Bäume gefallen sind. Es kann sein, dass die Aktivisten weiter den Dannenröder Forst besetzen, um auf die Verkehrswende hinzuweisen. Es kann auch sein, dass manche weiterreisen zum Fehmarnbelt nach Schleswig-Holstein. Wir als Kirche bereiten uns schon seit einem Vierteljahr darauf vor, die Menschen vor Ort dann wieder zusammenzuführen, so dass man im nächsten Jahr wieder gemeinsam Dorffeste feiern kann. Dass der Konflikt dabei nicht totgeschwiegen wird, sondern man darüber sprechen kann. Wie wir das hinbekommen werden, kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen. Wir stecken viel zu sehr in dem aufreibenden Tagesgeschehen.

Interview: Jutta Rippegather

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