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Roland Siegwald zeigt, wie es geht.

Rhein-Main

Weltrekord auf der Saalburg

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Eine Kette von 150 Menschen tätigt auf der Saalburg den längsten je dagewesenen analogen Telefonanruf und stellt damit einen Weltrekord auf. Der erfolgreiche Weltrekordversuch ist Teil der Veranstaltungsreihe „Transit bewegt Rhein-Main“.

Nein, sagt der Tourist aus Finnland. Er versteht rein gar nichts. Und selbst für Einheimische ist schwer zu durchblicken, was sich auf der Saalburg am ersten sommerlichen Sonntag des Jahres abspielt. Es geht um einen Holzesel, den Erfinder des Telefons, Johann Philipp Reis, und darum, einen Weltrekord aufzustellen: Eine Kette von 150 Menschen tätigt den längsten je dagewesenen analogen Telefonanruf. Die Sätze wandern von der Saalburg nach Friedrichsdorf und zurück. Ob sich die Botschaft wie beim Spiel „Stille Post“ verändert, fragt keiner. Es zählt einzig und alleine, dass es klappt. „Der Weltrekord ist geglückt“, heißt es um 16.18 Uhr. Das wird mit Sekt, Schnittchen und Orangensaft gefeiert. Und wenig später dann beginnt die Reise entlang des Limes auf dem Eselsweg.

„Transit bewegt Rhein-Main“ heißt die Veranstaltungsreihe, zu der sich die beiden regionalen Kulturgesellschaften Kulturfonds Frankfurt RheinMain und KulturRegion FrankfurtRheinMain zusammengeschlossen haben. Der erfolgreiche Weltrekordversuch bildet den Auftakt, die Akteure kommen von der Theatergruppe Mobile Albania. Was der Weltrekord mit dem Holzesel zu tun hat, wollen einige vor Start des Spektakels wissen. „Die Schallwellen sollen den Weg ebnen“, sagt Roland Siegwald, Mitglied des Theaterkollektivs, das einst zusammen in Gießen studierten. Julia Cloot, Kuratorin beim Kulturfonds, erklärt, dass es sich um ein „Performance“ mit verschiedenen Gattungen handelt und dass alle Aktionen mit dem Ort und seiner Geschichte zu tun haben. Der Erfinder des Telefons stammt aus Friedrichsdorf, der Limes durchzieht die Region. Und im Oldtimer-Hörspielbus erzählt ein Mann, dass er jede Woche 600 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz pendelt. „Das sind eine Million Kilometer in meinem Berufsleben.“ Oft sei die Autobahn dicht. „Drei Tage meines Lebens verbringe ich im Stau.“

Das Rhein-Main-Gebiet ist Transitgebiet. Flugzeuge malen weiße Kondensstreifen an den blauen Taunushimmel. Ein Motorflugzeugpilot frönt seinem Hobby, der knappe Parkraum ist voller Blech. Radler sind unterwegs, Wanderer. Plötzlich steht eine Gruppe von Flüchtlingen aus Friedrichsdorf da, hält ein Transparent in den Händen: „Gegen Rassismus, Menschenrechte haben keine Grenzen.“ Auch sie Reisende. Doch viel lieber möchte Mahmud Sherzad über die fantastische Erfindung von Philipp Reis reden. Ohne die moderne Kommunikation könne er nicht mit seinen in Afghanistan zurückgebliebenen Verwandten Kontakt halten.

Saalburg-Chef Carsten Amrhein findet ebenfalls Verbindungen. „Transit ist ein großes Thema für uns Archäologen“, sagt der Museumsleiter. Und Kommunikation hätten die Römer auch zwischen den Wachtürmen benötigt. Wenn die Theatergruppe jetzt drei Monate langsam mit ihrem rollenden Holzesel entlang des Limes wandert, will sie herausfinden, was Grenzen für Menschen bedeuteten. Ein Thema, das auch Amrhein beschäftigt. Grenzen seien nicht nur etwas Trennendes, sondern auch Verbindendes. „Hier kommen sich Völker näher, befruchten sich gegenseitig, vermischen sich.“ Die Aktion passe sehr gut auf die Saalburg. Da sieht der Museumschef auch darüber hinweg, dass die Statue des Antonius Pius in das Schauspiel miteinbezogen wurde und nun in der rechten Hand eine rote Flöte hält. „Das war nicht abgesprochen.“

Unbemerkt ist der römische Kaiser jetzt ein Mitglied der Menschenkette. Jeder der Männer und Frauen, die von der Saalburg durch den Wald bis nach Friedrichsdorf stehen, hat eine bunte Flöte erhalten. Mit den Tönen wird geprobt, ob die Leitung steht. Danach kommen die Sätze, die von einem zum anderen wandern, bis hinab ins Tal und danach wieder hinauf: „Kommt, der Weg ist frei“. „Bewegung ist gesund.“ „Käsekuchen und Apfelsaft.“ Das sind die Worte, die oben auf der Saalburg ankommen. Viele Teilnehmer haben erst hier oben von dem Weltrekordversuch erfahren und spontan mitgemacht. Aline Winterbauer und Nils Lehr aus Rosbach zum Beispiel wollten eigentlich nur einen Ausflug auf die Saalburg machen. Oder Olga Abrahawe und ihr zehnjähriger Sohn Noel. Auch sie sind nun Glieder der Kette. Matthias Wickert aus Biebergemünd ist von Berufswegen hier. „Ich finde das Projekt spannend“, sagt der Mann, der für die Stadt Hanau im Arbeitskreis Kulturregion sitzt. Das Thema passe in die Rhein-Main-Region mit ihrem Flughafen, den vielen Ein- und Auswanderern, dem Limes.

Knapp eineinhalb Stunden nach Beginn des Events begeben sich die Künstler mit einem Tross Mitwanderer auf den Eselsweg. Der Tourist aus Finnland ist noch immer da. Was er wohl nach seiner Rückkehr in die Heimat erzählen wird? Deutsche verständigen sich mit Flöten und Rufketten, hängen Plastiktaschen an ihre Römerkastells und schieben einen Esel aus Holzlatten auf Rollen durch den Wald. Aber immerhin: Sie sind Weltrekordler.

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