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Ein Verhandlungssaal im Landgericht Frankfurt. (Symbolbild)

Landgericht Frankfurt

Abdullah, der Salafisten-Spießer

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Ein Strenggläubiger steht wegen eines Verstoßes gegen das Vereinsgesetz vor dem Landgericht Frankfurt. Er soll „den Vereinszweck des IS in der Bundesrepublik gefördert“ haben, so die Anklage.

Wie üblich sind die Sicherheitsvorkehrungen bei der Staatsschutzkammer des Landgerichts penibel. Aber unüblicherweise laufen sie ins Leere. Denn nicht ein einziger Zuschauer ist gekommen, um der Verhandlung gegen den 24-Jährigen aus Kassel beizuwohnen. Der ist vermutlich aber auch der langweiligste Salafist, gegen den man bislang in Frankfurt verhandelt hat.

Normalerweise müssen sich Salafisten hier im Hochsicherheitssaal wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat oder zumindest wegen des Mitmischens in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Nicht so dieser: Er steht wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz vor dem Kadi.

Die Anklage wirft ihm vor, im Dezember 2014 für die Startseite seines Twitter-Accounts, bei dem er sich „Abdullah“ nannte, als Bild die Flagge des IS verwendet und damit „den Vereinszweck des IS in der Bundesrepublik gefördert“ zu haben.

Geplant war seitens der Ankläger wohl ursprünglich mehr. Ein Verfahren wegen Paragraf 89a des Strafgesetzbuches – eben jener gewalttätigen Staatsgefährdung – ist mittlerweile aber mangels knallharter Beweise eingestellt worden.

Ein Verstoß gegen das Vereinsgesetz alleine hätte wahrscheinlich auch kaum das Sondereinsatzkommando gerechtfertigt, das mehrere Dutzend Mann umfasste, die Tür der elterlichen Wohnung eintrat, in der der langweilige Salafist wohnte, diese durchsuchte und den Verdächtigen festnahm. In Untersuchungshaft saß er nie. Die Ermittler, die ihn monatelang observiert hatten, sind zwar davon überzeugt, dass er zumindest zeitweise kurz vor der Ausreise nach Syrien stand – wo viele seiner Kasseler Kumpels bereits für den IS kämpften. Doch für eine Anklage langt das alles nicht. Was bleibt, ist das Vereinsgesetz.

„Inzwischen bereut man das, es tut einem leid, man hat Dummheiten gemacht“, sagt der langweilige Salafist, ohne dabei allzu persönlich zu werden. Er ist pünktlich zur Verhandlung erschienen. Er steht brav auf, wenn das Gericht – unter dem Vorsitz einer Frau – den Saal betritt. Sein Benehmen ist höflich, sein Deutsch so gut, wie man das von einem gebürtigen Kasseler erwarten kann. Er trägt einen Vollbart, aber keinen Salafistenzausel, sondern einen akkurat nach Hipster-Art getrimmten.

Keine Zeit mehr für so viele Gebete

Heute sehe er alles viel gelassener, sagt der langweilige Salafist, und er habe inzwischen auch andere Prioritäten. Er mache gerade eine Ausbildung zum Fertigungsmechaniker bei Daimler-Benz. „Wenn man von 7 bis 16 Uhr auf der Arbeit ist, dann hat man gar keine Zeit mehr, für fünf Gebete in die Moschee zu gehen“, da könne man froh sein, wenn es für eines reiche.

Zudem habe er jüngst eine ebenso liebe wie vollverschleierte Frau fürs Leben gefunden, die er noch diesen Monat zu ehelichen gedenke – die standesamtliche Bestätigung hat er mitgebracht. Und wenn er ausgelernt habe, fange er vielleicht wieder an zu studieren.

Warum auch nicht? In seinem Lehrgang sei er der Notenbeste, lobt sich der langweilige Salafist selbst. Das Gericht verliest zur Wahrheitsfindung das Berufsschulzeugnis. Englisch: Eins. Sport: Eins. Religion: Zwei. „Die Zwei ist seine schlechteste Note“, klärt der Verteidiger des langweiligen Salafisten auf.

Mit seinen alten Salafistenfreunden habe er nichts mehr zu schaffen, wolle er auch nicht mehr. Er bleibe tiefreligiös, lege seinen Fokus aber künftig auf Familie und Karriere. So einfach allerdings will es das Landgericht dem langweiligen Salafisten nicht machen. Am kommenden Verhandlungstag soll möglicherweise sein Vater als Zeuge gehört werden. Der ist zwar körperlich schwerkrank, erfreut sich aber beneidenswerter geistiger Gesundheit, wie das Zitat der Polizistin, die seinerzeit die Hausdurchsuchung geleitet hatte, nahelegt: „Mein Sohn hängt mit den falschen Freunden rum, er besucht die falschen Moscheen, er glaubt an den falschen Islam – und darum hat er jetzt Scheiße gebaut!“

So muss man es wohl sagen. Im März muss sich der langweilige Salafist wegen eines Delikts aus der gleichen Zeit auch noch vor dem Amtsgericht in Kassel verantworten. Aber da geht es um nichts Politisches, nichts Religiöses, sondern um Warenkreditbetrug. Was zumindest die Frage aufwirft, ob der junge deutsche Staats- und Spießbürger mit somalischen Wurzeln am Ende doch nicht ganz so langweilig ist, wie er tut.

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