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Ihn kennen alle, seinen Schöpfer nur wenige: Donald Duck aus der Feder von Al Taliaferro.

Landesmuseum Mainz

Entenhausen am Rhein

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Die Bewohner der Disney-Metropole treffen die Mainzelmännchen: Die Ausstellung "Walt Disney ? Mickey, Donald & Friends" im Landesmuseum Mainz widmet sich der Entwicklung der Comics und ihrer Figuren.

Herr Sebald, können wir uns demnächst auf eine Städtepartnerschaft zwischen Mainz und Entenhausen freuen? Oder wieso kommen Micky Maus, Donald Duck, Onkel Dagobert und Konsorten ins Landesmuseum?
Oh, da gibt es viele Verbindungen. Ein entscheidender Faktor aber ist, dass wir im Besitz von Blättern von Carl Barks sind, die hat das Landesmuseum in den 90er Jahren angekauft. Es handelt sich um 42 Blätter, darunter Studien, Vorstudien, fertige Comics. Ende der 90er hatten wir schon eine Ausstellung um diese Blätter herum. Jetzt war es mal wieder an der Zeit, diese kostbaren Stücke aus unserer Sammlung ans Licht zu holen. Allerdings zeigen wir nicht alle 42 Zeichnungen, sondern nur zwölf, und zwar aus den Jahren 1966 und 1973. Einige davon gehören zu einer Serie, es geht um Dagobert Duck. Vor zwanzig Jahren standen diese 42 Blätter von Carl Barks im Zentrum. Jetzt machen sie einen wichtigen Teil der Ausstellung aus.

Und die anderen Teile?
Neben den Figuren stehen vor allem die Zeichner im Mittelpunkt, zunächst die drei Altmeister aus den 1930er Jahren: Floyd Gottfredson, der Zeichner von Micky Maus, Al Taliaferro, der Erfinder von Donald Duck, und natürlich Carl Barks, von dem der ganze Kosmos Entenhausen stammt, mit allen Familien und Figuren: Onkel Dagobert, Daniel Düsentrieb, die Panzerknacker. Unbedingt zu erwähnen ist noch Ub Iwerks, der Micky erstmals zeichnete und den ersten Micky-Maus-Trickfilm „Plane Crazy“ allein gezeichnet haben soll.

Dabei verbindet man mit Micky, Donald oder Dagobert zuallererst den Namen Walt Disney.
Die Comics wurden aber nur unter seinem Namen veröffentlicht, gezeichnet hatte er sie nicht. Schon 1926, also bald nach der Gründung des Vorläufers der Walt Disney Company im Jahr 1923, hat er das Zeichnen praktisch aufgegeben, das haben andere für ihn erledigt, während er Ideen und Konzeption geliefert hat. 1930 hatte der Konzern etwa 1000 Zeichner angestellt. Zudem hat Walt Disney sich für Comics gar nicht so sehr interessiert.

Ach nein?
Walt Disney war kein Comiczeichner, sondern Trickfilmzeichner. Und dann natürlich ein Filmschaffender, ein Produzent und sehr versierter Techniker. 26 Oscars hat er im Lauf seines Lebens gewonnen. Wichtig ist: Die Filme waren zuerst da, die Comics haben sich aus ihnen heraus entwickelt.

Wie ist das abgelaufen?
Als beispielsweise 1938 der Kurzfilm „Das tapfere Schneiderlein“ mit Micky Maus als Held erschien, wurde die Veröffentlichung begleitet von sogenannten Sonntagsseiten, also Comic-Strips in anerkannten US-amerikanischen Zeitungen. Diese Sonntagsseiten, die farbig gedruckt waren, erschienen sonntags und konnten auch als Fortsetzungsgeschichte angelegt sein. Dagegen erzählten die schwarz-weißen Tagesstreifen oder „Dailies“, die täglich erschienen, jeweils einen abgeschlossen Gag und bestanden aus vier Panels, also aus vier Einzelbildern einer Serie. Wir zeigen Sonntagsseiten und Tagesstreifen und beleuchten damit die Ursprünge des Comics. Wir gehen aber auch der Frage nach: Wie entsteht ein Trickfilm? Ein Zeitstrahl verdeutlicht, dass die Filme in der Regel zuerst da waren.

Apropos: Was war denn zuerst da? Ente oder Ei? In Entenhausen ist das ja ein Mysterium. Familien bestehen fast nur aus Onkeln, Tanten, Neffen und Nichten.
Das Problem ist: In Entenhausen gibt es keinen Sex, keinen Alkohol und keine Religion. Von einer Vorzeichnung Al Taliaferros wissen wir immerhin, wie Tick, Trick und Track bei ihrem Onkel landeten. Donalds Schwester Della legt ihre Söhne auf der Türschwelle ab – und die Bengel begrüßen ihren Onkel mit einem Eimer Wasser.

Wann kam das erste Comic heraus? Und wann der erste Film?
Das erste Micky-Maus-Buch „The Adventures of Mickey Mouse“ erschien 1931, ein Exemplar gehört zu unseren Exponaten. „Plane Crazy“, also der erste Film, in dem die Figur Micky Maus auftritt, erschien bereits 1928.

Also vor 90 Jahren. Und wie schaut es heute aus?
Wir beschäftigen uns natürlich nicht nur mit den Altmeistern und den Ursprüngen der Comics. Wir vergleichen in der Ausstellung auch damals und heute, indem wir die damaligen Zeichner und Texter den heutigen gegenüberstellen. Ein großer Teil der Schau beschäftigt sich mit den Zeichnern Don Rosa, Jan Gulbransson und Ulrich Schröder, sie haben uns Arbeiten aus ihren Ateliers zur Verfügung gestellt, die nun im Landesmuseum Mainz erstmals gezeigt werden. Auf diese Weise wird nicht nur der individuelle Einfluss der Zeichner auf ihre Figuren visualisiert, auch die Zeit, in der die Arbeiten jeweils entstanden, wird dargestellt. Wie haben sich Comics und Figuren damals und heute entwickelt? Korrekturen, Anmerkungen, Ausbesserungen auf Skizzen und Vorzeichnungen erzählen von der Entwicklung bis zum fertigen Comic. Und das ist es, was ich mit der Ausstellung vorhabe: Ich möchte Geschichten erzählen.

War es schwierig, an die Rechte für die Ausstellung zu kommen? Der Disney-Konzern gilt da ja als etwas schwierig, um es  mal vorsichtig zu formulieren.
In manchen Punkten waren sie schon ziemlich harte Partner, aber insgesamt können wir uns wirklich nicht beklagen. Im Rahmenprogramm zeigen wir auch alle Disney-Filme und machen deutlich, dass sich die Comics aus den Filmen heraus entwickelt haben. Zudem werden viele Vorträge gehalten – etwa von Denis Scheck, einem bekennenden Donaldisten. Es werden Comic-Malkurse angeboten, und es gibt ein großes Comic-Kinderfest.

Und Sie? Sind Sie mehr Micky Maus oder mehr Donald Duck?
Oh, das hat sich im Laufe der Jahre etwas verändert: Mittlerweile bin ich eindeutig ein Freund des sympathischen Tollpatsches, des Pechvogels Donald. Micky Maus ist heute ja sehr familienfreundlich – aber für meinen Geschmack auch ein bisschen zu angepasst. Das war früher ganz anders: Da war Micky ein Abenteurer, das ging bis hin zu ganz anarchischen Geschichten. Es gibt sogar alte Comics, die der Verlag später eingezogen hat, weil sie nicht mehr dem aktuellen Bild von Micky entsprachen.

Und wer ist Ihre liebste Figur?   
Onkel Dagobert. Carl Barks hat ihn 1947 erfunden. Er ist ja quasi als Greis geboren, Don Rosa hat später dort angeknüpft und sein Leben bis in die Kindheit zurückverfolgt. Onkel Dagobert, oder Scrooge McDuck, wie er im Original heißt, ist dabei nicht nur der alte Geizkragen. In der Figur steckt viel mehr drin. Auch das zeigen wir in der Ausstellung.

Comics galten und gelten vielen immer noch als verpönt, als trivial, nicht als Kunst, sondern…
…als Schund.

So wollte ich es nicht nennen.
Die Ansicht ist auch mehr als überholt. Heute bestreitet niemand ernsthaft, dass Comics ein Ausdrucksmittel des 20. Jahrhunderts sind. Und wenn man die Zeichnungen sieht – die Eleganz und Kraft der Strichführung, der Witz der Gags und so weiter -, erübrigt sich die Frage, ob das Kunst ist. Auch im Hinblick auf die Tatsache, dass wir heute nicht mehr so streng zwischen U und E unterscheiden, ist die Frage klar beantwortet: Natürlich sind Comics Kunst! Und natürlich haben Comics unsere Zeit geprägt: Denken wir allein an die Übersetzerin Erika Fuchs und ihre kongenialen Übersetzungen wie: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“, die schon in den Duden übernommen wurden.

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