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Heimwerken: Eine Herausforderung annehmen und durchziehen, das tut gut. Die Leiden der anderen Heimwerker nachvollziehen ebenso.

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Dämmen bis der Styrocutter qualmt

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Den Dachboden dämmen kann ja so schwer nicht sein. Unser Autor macht es sich warm, gegen alle Hindernisse. Er traut sich selbst zu, 100 Quadratmeter Speicherboden kälteunempfindlich zu machen.

Das mach’ ich zu meinem Projekt. Also hinein in den Baumarkt, wo Arbeiter unter sich sind, und einen Lkw voll mit jenem Material bestellt, das der kompetente Baumarktfachmann nach Abwägung von Nutzen und Kosten zusammengestellt hat.

Ich, mich vor meinem ökologischen Gewissen natürlich schämend, entschied mich für Styropor: Zwei Lagen, versetzt zueinander auf dem Boden ausgelegt, in 035er-Dichte. 035er-Dichte! – ich tauche langsam ein ins Fachvokabular. Zu dem auch sofort der Begriff „Dampfsperre“ kommt, das Zauberwort jedes Wärmedämmerers. Ohne Dampfsperre geht nämlich gar nichts. Jeder erklärt den Nutzen dieser Wunderfolie leicht anders, aber es dürfte grob darum gehen, zu verhindern, dass die warm-feuchte Innenraumluft durch die Wohnraumdecke hindurch in die Isolierungsschicht dringt, dort zu Wasser wird und bald unvermeidbar alles zu schimmeln beginnt. Schimmelndes Styropor, ein grässlicher Gedanke, eine Steigerung des ohnehin grässlichen Gedankens Styropor. Das Geräusch des zerbröselnden Materials machte mir ja schon immer Gänsehaut. Manche halten Fingernägel auf Kreidetafel für noch unerträglicher. Ich nicht.

Dampfsperrfolie mit Klebeband verlegen

Der Lkw kam, mit ihm 65 Quader Styroporplatten und eine schwarze 100-qm-Rolle. Einen zweiten Lkw für Klebeband hätte ich gleich mitbestellen sollen, denn Dampfsperrfolie muss minuziös mit recht preisintensivem Dampfsperrklebeband verklebt werden. Damit kein Schimmelreiter durchkommt, jede Ecke, jeder Winkel. Und Ecken und Winkel hat der Dachboden viele, so sah er vorher gar nicht aus. Dann die Styroporplatten darüber. Sägen kann man sie mit einem Brotmesser, oder besser gesagt: Eine oder zwei Platten kann man auf diese Art zurechtsägen, dann schmerzen die Hände. Da sollte man nicht kleinlich sein und gleich seine Grenzen erkennen. Mit einem 190-Watt-Styrocutter geht es eindeutig besser. Der schmilzt mit 500 Grad Schneidentemperatur das weiße Material brösel- und geräuschfrei in jede illustre Form. Das von mir eingesetzte Profigerät spendiert dazu einen hübsch anzusehenden Wellenschnitt, wohl weil die Klinge etwas flatterig ist.

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Wenige Stunden pro Tag auf dem Dach reichen dafür, dass man etwas sonderlich wird, womöglich durch die Styroporschmelzdämpfe. Beim Abendbrot schneide ich die Käsescheiben mit geschulterem Auge als früher an der Brotkontur entlang, verstreiche die Dampfsperre namens Butter akkurater. Und bin durchaus stolz, die eigene Familie bald schön warm halten zu können. Ohne dass sie schimmelt.

Ware zur Dämmung bei Lieferung prüfen

Die Rolle ist alle. Im Baumarkt dann der Weltuntergang – und Rumpelstilz schrumpft zum blassen Wicht im Vergleich zu mir. Denn der Verkäufer stellt mir eine Rolle Dampfsperrfolie hin, ich sage, halt, mein Freund, meine sieht anders aus, so wie diese hier daneben. Nun, das sei bloß Universalvlies, höre ich, so etwas könne ich natürlich nicht verwenden. Ich, bleich, erkenne: Weil falsch geliefert, habe ich stundenlang dummes Vlies sorgfältigst verklebt mit hundsteurem Spezialklebeband, und darüber Styropor gepuzzelt, bis der Styrocutter qualmte. Alles umsonst. Meine Schuld, heißt es, Ware muss bei Lieferung immer kontrolliert werden. Rumpelstilz implodiert.

Erst im Rückschlag zeigt sich der Mann. Nach Wochen der Pause erneut ans Werk zum Rückbau: Styropor-Puzzle, rund 30 qm, durchnummeriert zur späteren Rekonstruktion, einen Puzzleteile-Plan gemalt, über dessen Sinn Nachgeborene später mal rätseln werden, und dann die gute Folie über die schlechte geklebt. Ja, das darf ich – wie ich im Netz erfragt habe. Ich bin nämlich mittlerweile angemeldet beim Baumarkt-online-Stammtisch, wo meine Schilderung des Debakels von fünf Dutzend Stammtischbrüdern gelesen wird, bis mich schließlich ein Semiprofi namens Werner fundiert berät.

Und mir jene Anteilnahme spendet, die mir der echte Baumarkt so schnöde verwehrt hat. Aber Baumarkt ist eben nichts für Dünnhäutige.

Jetzt ist alles gut. Alles warm. Fachfirmen würden sicher die Nase rümpfen – was ist mit Trittfestigkeit? Warum keine Sparrendämmung? Styropor ist Mist! –, doch ich bin zufrieden. Der Styrocutter mit seinen Dauerwellen, in vielen einsamen Speicherstunden zum guten Freund geworden, ist allerdings nun so ziemlich das überflüssigste Werkzeug hier im Haus. Für die Käsescheiben ist er zu kraftvoll, selbst für Schmelzkäse. Interessenten können sich in der Redaktion melden.

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