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Dadaistisches Manifest

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Von: Jasmin Schülke

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Luke Willis Thompson: "Untitled"
Luke Willis Thompson: "Untitled" © A. Schneider

Die Absolventinnen und Absolventen der Städelschule zeigen im MMK 3 ihre Abschlussarbeiten in der Ausstellung „Parked Like Serious Oysters“.

Der Maler Francis Picabia (1897-1953) war ein Rebell. Er wollte sich zeitlebens auf keine Stilrichtung festlegen lassen und lehnte starres Schubladendenken ab. In seinem „Manifeste Cannibale Dada“ rief er zum Protest gegen die bürgerliche Welt und ihre Werte sowie gegen die Starrheit des bestehenden Systems auf.

Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod avanciert Picabia nun zur Leitfigur der 32 Absolventen der Städelschule. Denn sie haben als Leitmotiv für ihre Abschlussausstellung ein Zitat des Malers ausgewählt. Mit dem Titel „Parked Like Serious Oysters“ wollen die Künstlerinnen und Künstler ihren Vorsatz deutlich machen, dass sie sich nicht festlegen lassen und „stets mit bestimmtem Blick Neuem und Unbekanntem entgegentreten“.

Das sind frische Worte, die hoffnungsfroh stimmen in einer Zeit des immer stärker überhitzten Kunstmarktes, der keine Temperaturgrenze mehr kennt, wo profitgierige Sammler auf den nächsten Superstar lauern und sich deshalb nicht selten bei den Absolventenausstellungen herumtreiben. Und deshalb appelliert MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer auch aus gutem Grund an den talentierten Nachwuchs, autonom und frei den eigenen Weg zu gehen. Dass die Absolventen auf einem solchen sind, lässt sich beim Rundgang durch das Alte Zollamt, einer Dependance des Museums für Moderne Kunst, feststellen: Die ausgestellten Arbeiten sind durchweg qualitätsvoll.

Die Künstlerinnen und Künstler haben ikonographische Motive der klassischen Malerei und der Popkultur aufgegriffen und bekannte Bildmotive hinterfragt. Und so gibt es gleich im Eingangsbereich des Alten Zollamts ein vermeintliches Déjà-vu: Nicht etwa Claes Oldenburgs „Replica I“, die im MMK 1 zu sehen ist, wartet auf den Betrachter, sondern eine Replik von Oldenburgs Werk (das ja auch eine Replik ist), die Marcello Spada gefertigt hat und damit die Frage nach dem Wert von Original und Kopie stellt.

Die Künstlerinnen Calori und Maillard zeigen eine Multimediainstallation, deren Ausgangspunkt Igor Strawinskys Ballett „Der Feuervogel“ ist. Daraus haben die beiden eine Choreografie für Baukräne entwickelt und auf einen Teppich gedruckt. Die Videoinstallation zeigt, wie elegant sich die Kräne zur Musik Strawinskys drehen. Uraufgeführt wurde das Kran-Ballett im vergangenen Jahr auf einer Großbaustelle in der Frankfurter Innenstadt.

Die Terminus-Klause im Frankfurter Bahnhofsviertel war ein Ort, an dem sich Ana Vogelfang während ihrer Studienzeit oft aufhielt. Besonders die Bardame übte eine rätselhafte Faszination auf die Künstlerin aus, so dass sie ein Portrait von ihr schuf. „A Bar at Bahnhofsviertel“ ist die Verarbeitung ihrer Frankfurter Zeit, erklärt Vogelfang, aber auch ein Zitat von Édouard Manets „Bar aux Folies-Bergère“.

Es ist ein Schlüsselwerk der modernen Kunst und Ausgangspunkt für die Diskussion über den Begriff der Kunst überhaupt: Marcel Duchamps „Fountain“, ein Urinal, das der Künstler zum Kunstwerk erhob. Luke Willis Thompson hat in Anlehnung an Duchamp einen Trinkbrunnen geschaffen, der goldglänzend an der Wand hängt. Thompson stellte dafür einen Abguss eines Brunnens her und kombinierte ihn mit Originalteilen, die er in den USA fand. Diese Teile stammen von einem Trinkbrunnen, der von Afroamerikanern zur Zeit der Rassentrennung in den USA benutzt wurde. Ihnen war es strengstens verboten, an den Brunnen der Weißen ihren Durst zu stillen. Thompsons Arbeit ist damit die politischste der ganzen Ausstellung.

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