+
Mit einem finalen (Fast-)Rundumschlag ist der Polit-Rabauke Henning Venske auf Tour. Nach einem Gastspiel in Aschaffenburg gastiert er im Herbst im Mainzer Unterhaus sowie im Neuen Theater Höchst.

Henning Venske

"Toleranz ist nur eine Ausrede"

  • schließen

Mit einem finalen (Fast-)Rundumschlag ist der Polit-Rabauke Henning Venske auf Tour. Nach einem Auftritt in Aschaffenburg gastiert er im Herbst im Mainzer Unterhaus sowie im Neuen Theater Höchst.

„Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde“ – unerbittlich in Shakespearscher Manier – ein 79-Jähriger die Bühnen der Republik. Unvermindert gnadenlos geht der „meistgefeuerte Satiriker“ des Landes mit den Mächtigen ins Gericht. Das ultimative Programm „Summa summarum“ ist eine Abrechnung mit der deutschen Nachkriegszeit, die für Venske eigentlich immer eine Zeit von Helmut Kohl war. Auch wenn er in Gestalt seiner Vorgänger wie auch seines „Mädchens“ Angela Merkel auftrat. Selbst Brandt, Schmidt und Schröder seien irgendwie Kohl gewesen. Jedenfalls würden die Geschichtsschreiber das in 10.000 Jahren so sehen.

Der „Dicke“ ist bei dieser Revue am Ende übrigens der einzige Kanzler, der von dem „gemeinen aber höflichen“ – Venske über Venske – Kabarettisten, Autor und Schauspieler sogar ein kleines Lob erhält. Der habe keinen einzigen Bundeswehrsoldaten für Auslandseinsätze abgestellt, hebt der bekennende Pazifist am Freitag im Aschaffenburger Hofgarten hervor.

Sein Auftritt beginnt bombastisch, wenn auch in der kleinen Form, so wie es zur Kleinkunst passt. Gespielt werden die ersten anderthalb Minuten von „Also sprach Zarathustra“, aber eben nicht aus der Konserve mit großem Orchester, sondern von seinem Begleiter Frank Grischek am Akkordeon und – zumindest zum Auftakt – mit Trompete. Damit die Verhältnisse gleich wieder ins Nichtpompöse gerückt werden, steigt Grischek mit jedem neuen Einsatz tiefer ein. Schließlich ist kein Heldenepos zu erwarten.

Und auch Venske selbst nimmt seinen folgenden Tiraden mit einem Schuss Selbstironie gleich die Spitze, indem er die Medikamente aufzählt, die der Senior der deutschen Satire inzwischen benötigt: „Die kennen Sie ja alle“, zieht er seine Zuhörer meist älteren Semesters augenzwinkernd mit ins Boot. Immerhin gelinge es ihm damit, dass sich sein Organismus wieder auf das notwendige Maß verjünge. – „Was ich von meiner Umwelt nicht sagen kann.“

Die Häkelrolle der Sicherheit

Seinen geschichtlichen Abriss von der Besetzung („Ich bin mehr Amerikaner als Kennedy Berliner war.“) bis heute macht er an den Bundespräsidenten seit 1949 fest. Ihnen wirft Venske mehrheitlich vor, mit den Nazis zumindest kollaboriert zu haben. Dass diese Auffassung zum Beispiel im Fall von Theodor Heuss schon ziemlich einäugig zu bewerten ist, ficht Venske jedoch nicht an.

Wie auch die geschichtlich unbelasteten Präsidenten bis auf Heinemann seinen Hohn ertragen müssen, so der „Betbruder“ Johannes Rau, der „Bundesschnorrer“ Christian Wulff oder der „Freiheitsprediger“, vor allem was die Wirtschaft angeht, Joachim Gauck. Dem derzeit ersten Mann im Staat, Frank-Walter Steinmeier, kreidet er an, mitverantwortlich für die Agenda 2010 und die fortdauernde Inhaftierung von Murat Kurnaz als angeblichem Terroristen in Guantánamo zu sein.

Verschnaufen darf das Publikum auch mal, bei den Kunstpausen, die Frank Grischek mit schwermütigen Tangos füllt, oder bei den nostalgischen Erinnerungen, als man mit einem Telefon noch nicht fotografieren und mit einem Fotoapparat noch nicht telefonieren konnte. Als die Omas und keine Muslimas Kopftücher trugen und die Häkelrolle im Fonds Sicherheit vermittelte. „Wenn der Nachrichtensprecher den ersten Satz mit dem Wort: Bonn begann, dann wussten wir, es ist nichts Schlimmes passiert. Bonn: Das war wie Sex im Dunkeln.“

Aber Venske wäre nicht Venske, wenn er nicht die dunkle Seite dieser Vergangenheit hervorzerren würde: Die kollektive Verdrängung der Nazizeit und das Aufbegehren der folgenden Generation dagegen. Die Verfolgung von Kommunisten, nachdem sie erst vor kurzem aus Lagern und Gefängnissen freikamen. Das Familienministerium als Bollwerk gegen die Gleichberechtigung der Frau. Vietnam.

Ein Mann wie ein Kettenkarussell

Dann der Kanzler der Einheit und des „Bimbes“, der von geistig moralischer Wende sprach und darunter offenbar die Verschmelzung von Politik, Wirtschaft und Medien zu einem undurchdringlichen Netzwerk verstand, um die Deutschen brav bei der Stange zu halten. Und der sich nicht scheute, sich und seine Partei dafür mit Millionen aus schwarzen Kassen subventionieren zu lassen. Und der „im guten blauen Mantel aussah wie ein zugehängtes Kettenkarussell“. Der habe mit dafür gesorgt, dass der Staat ein Instrument „zur Mästung des Kapitals“ geworden sei.

Und heute? Heute wird dieser Staat laut Venske von einer neoliberalen Einheitsregierung aus fünf Parteien von CSU bis Grüne geführt. Das Volk bleibt ohnmächtig zurück. Doch Resignation ist nicht die Sache dieses alten Kämpen. „Findet euch nicht mit den Verhältnissen ab“, ruft er seinem Publikum am Ende zu. „Denn eines Tages werden die Leute nicht mehr die größten Angstmacher wählen.“

Henning Venske wird mit seinem Programm „Summa summarum“ voraussichtlich am 28. und 29. September im Mainzer Unterhaus sowie am 12. Oktober im Neuen Theater Höchst zu sehen und zu hören sein. Begleitet wird er dabei von dem Akkordeonist Frank Grischek. Weitere Infos unter www.venske.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare