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Ein Mitarbeiter arbeitet in einem Labor an Organismen im Hochsicherheitsbereich des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg.

Impfstoff

Der Kampf gegen das Virus

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Marburger Wissenschaftler haben schon an einem wirksamen Schutz gegen Sars mitgearbeitet. Jetzt erforschen sie die Lungenkrankheit.

Das Marburg-Virus wurde vor 45 Jahren von für Versuchszwecke importierten Affen auf den Menschen übertragen. 32 Menschen erkrankten daran, ein Viertel von ihnen starb. Auch das seit Jahren im arabischen Raum immer wieder auftauchende Mers-Virus wird von Tieren übertragen. Das Kamel sei dort der Zwischenwirt, sagt Stephan Becker, Professor für Virologie und Leiter des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Beim neuartigen Coronavirus handelt es sich ebenfalls um eine Zoonose – eine Infektionskrankheit, die vom Tier auf den Menschen übertragbar ist. „Von welchem Tier, das wissen wir noch nicht.“

Was den Experten für hochansteckende Krankheiten in Marburg hingegen bekannt ist, ist die „Sequenz“ der neuen Lungenkrankheit. Die chinesischen Kollegen haben ihnen ausreichende Informationen geliefert, um mit der Entwicklung eines Impfstoffs zu beginnen. Damit haben sie Erfahrung, bedienen sich dabei einer Plattform und eines Baukastensystems. Beteiligt daran ist das vom Land Hessen geförderte Forschungszentrum Druid.

Bis der Impfstoff auf den Markt kommt, werden allerdings noch Monate vergehen, räumt Becker ein. Nach den Tierversuchen seien verschiedene klinische Studien an Menschen notwendig, auch müsse zum Schluss ein Hersteller gefunden werden. In eineinhalb Jahren, schätzt er, könnte es so weit sein. Bis dahin bleibt der beste Schutz jener, der auch für die Influenza gilt: Händewaschen, in die Armbeuge husten und niesen und im Fall einer Erkrankung: Quarantäne. Das habe seinerzeit auch das Marburg-Virus eingedämmt, das so heißt, weil es in der mittelhessischen Universitätsstadt identifiziert wurde. Ein Virus, das die Wissenschaftler als wesentlich gefährlicher einstufen als die neue Lungenkrankheit, von der derzeit alle sprechen.

Journalisten filmen einen Mitarbeiter, der in einem Labor im Hochsicherheitsbereich des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg arbeitet. 

Sars-Viren etwa: An denen forschen sie nur in dem BSL-4-Labor, einem vierstöckigen Hochsicherheitsgebäude auf den Marburger Lahnbergen. Wissenschaft ist hier Knochenarbeit, wie ein Blick durch die Scheiben in die Räume zeigt. Wer hier an den Mikroskopen arbeitet, steckt in einem aufgeblasenen gelben Schutzanzug, die Atemluft kommt aus einem blauen Schlauch von außen. Für Corona hingegen reicht das BSL-3-Labor, sagt Becker. Die Kollegen arbeiten mit Mundschutz und müssen sich auch nach Ende der Arbeit nicht einer chemischen Dusche unterziehen.

„Wir sind sehr stolz auf unsere hessische Spitzenforschung in diesem Bereich“, sagt Wissenschaftsministerin Angela Dorn, die am Freitag mit Sozialminister Kai Klose (beide Grüne) das Institut besucht. Auch dank der Landesmittel seien die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Marburg bestens darauf vorbereitet, mit dem Coronavirus, aber auch mit weit gefährlicheren Krankheitserregern umzugehen und nach Gegenmitteln zu forschen. „Wir haben in Marburg ein Kompetenzzentrum, das national wie international eine Ausnahmestellung in der Diagnostik und Erforschung hochinfektiöser Erkrankungen innehat.“ Bereits in den vergangenen Jahren hätten die in Hessen gewonnenen Erkenntnisse geholfen, schlimmes menschliches Leid zu verhindern. „Klar ist aber auch: Solche Forschung braucht einen langen Atem; ein Impfstoff entsteht nicht von heute auf morgen.“ Das Institut für Virologie sei als Mitglied einer Taskforce der Weltgesundheitsorganisation WHO auch maßgeblich an der Identifizierung des Sars-Erregers beteiligt gewesen und habe bei sämtlichen Ausbrüchen neuartiger Viren in den vergangenen Jahren wesentlich zur Entwicklung von Impfstoffen beigetragen.

Die Marburger sind aber nicht nur auf die Zukunft ausgerichtet. In ihren Laboren können sie rund um die Uhr Proben untersuchen und nach drei Stunden sagen, ob ein Mensch tatsächlich an dem neuen Virus erkrankt ist. Rund 20-mal haben sie bislang negativ getestet. Bleibe es bei dem überschaubaren Aufkommen, so seien die Kapazitäten ausreichend, sagt Becker. Was auch daran liege, dass bislang wenige Nachweise nach Grippeviren gefragt seien. Die Influenzasaison verlaufe sehr verhalten. „Das muss wohl am schönen Wetter liegen.“

Im Umgang mit dem Coronavirus gibt es im Februar Aufregung in Offenbach: Die Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) will zum Sommer keine neuen Studenten aus China aufnehmen. Nach gemischten Reaktionen sprechen die Offenbacher Hochschule und das Hessische Wissenschaftsministerium von einem Missverständnis bei der Kommunikation.

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