Nur eine Momentaufnahme: Wer heute negativ auf das Coronavirus getestet ist, kann sich morgen schon infiziert haben.
+
Nur eine Momentaufnahme: Wer heute negativ auf das Coronavirus getestet ist, kann sich morgen schon infiziert haben.

Gesundheit

Absage an Corona-Tests für alle in Hessen

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
    schließen

Das Land setzt auf gezielte Untersuchungen und Forschungsprojekte in Heimen und Kitas. Aber Lehrer dürfen sich jederzeit kostenlos testen lassen.

Hessen wird nicht dem Beispiel Bayerns folgen und auch nicht dem Berlins, das mittelfristig ebenfalls Corona-Tests für alle anbieten will. Unsystematisches Testen sei nicht zielführend, heißt es aus dem Sozialministerium. Diese Auffassung teile Hessen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Auch sei die Aussagekraft der Tests zeitlich sehr eng begrenzt, sagte Ministeriumssprecherin Nadine Gersdorf der Frankfurter Rundschau. „Ein negatives PCR-Test-Ergebnis ist nur eine Momentaufnahme und kann ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.“

Damit bleibt die Landesregierung ihrer Linie treu. In den vergangenen Wochen war immer wieder der Ruf laut geworden, auch ohne Symptome zu testen. Die SPD sieht die Notwendigkeit von Reihentests in Altenheimen sowie Pflege- und Gesundheitseinrichtungen. Die FDP und die Linken fordern anlasslose Tests in Gemeinschaftsunterkünften für geflüchtete Menschen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangt, mindestens einmal wöchentlich alle Mitarbeitenden in der stationären und ambulanten Altenpflege sowie der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung zu testen. Plus jene Bewohner, die solche Einrichtungen selbstständig verlassen und wieder betreten können.

Doch Sozialminister Kai Klose (Grüne) hat sich für einen anderen Weg entschieden. Bestätigt fühlt er sich von den Erfahrungen der Stadt Frankfurt mit einer mobilen Teststation, die ihre Dienste in Heimen anbot. Ein inzwischen abgebrochener Modellversuch, der nach Angaben der Verantwortlichen keine neuen Erkenntnisse brachte.

Testcenter

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen betreibt noch 14 sogenannte Covid-Koordinierungscenter. Die machten am Dienstag insgesamt 478 Tests. Zu Hochzeiten der Pandemie waren es den Angaben zufolge 150 bis 200 Tests pro Center und Tag gewesen. Tests erfolgen nach Kontakt mit der KV-Hotline 116 117 oder einem Arzt. Bedingung sind Krankheitssymptome. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. jur

Vor zwei Wochen kündigte Klose ein Forschungsprojekt in 50 ausgewählten Alten- und Pflegeheimen an. Getestet werden sollen Beschäftigte in Pflege oder Küche sowie alte und pflegebedürftige Menschen, bevor sie in die Einrichtungen neu aufgenommen werden. Oder wenn sie – etwa von einem Krankenhausaufenthalt – zurückkehren. Ob das auf maximal drei Monate angelegte Vorhaben unter Regie der Frankfurter Uniklinik-Wissenschaftlerin Sandra Ciesek begonnen hat, war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren. Die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie hatte bei der Vorstellung gesagt, es brauche noch Zeit, um genug Teströhrchen zu beschaffen. Die seien noch immer knapp. Ciesek leitet auch eine Studie mit Corona-Tests an Kindern und Fachkräften in 50 hessischen Kindertagesstätten.

Und es gibt noch mehr anlasslose Tests in Hessen. Wer etwa in ein Krankenhaus kommt, wird auf das Coronavirus untersucht. Und ganz neu ist das Angebot für Lehrer, sich jederzeit kostenlos testen zu lassen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte es am Dienstag verkündet.

Die Ministeriumssprecherin verweist darauf, dass Hessen sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) orientiere. „Danach gibt es auch Anlässe, Personen ohne Symptome zu testen, zum Beispiel, wenn ein Ausbruch in einer medizinischen Einrichtung, einer Pflegeeinrichtung, einer Kindertagesstätte oder Schule vorliegt.“ Ansonsten gelte: Wer Krankheitssymptome aufweist, wendet sich telefonisch an den Hausarzt oder die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung. Die veranlassen im Bedarfsfall die Testung. „Die Vertragsärzte arbeiten mit Laboren zusammen, die von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) zur Abrechnung der Leistung zugelassen sind. Diese Labore müssen regelmäßig an Qualitätskontrollen teilnehmen.“

Auch die KVH hält übrigens nichts von der Offensive des bayrischen Ministerpräsidenten und möglichen Kanzlerkandidaten Markus Söder (CSU), für die der Freistaat jährlich 200 Millionen Euro bereitstellt. „In Sachen Massentests folgen wir inhaltlich dem hessischen Ministerpräsidenten und dem Minister für Soziales und Integration“, sagte KVH-Sprecher Alexander Kowalski der FR.

Wer soll die Corona-Test für Reiserückkehrer bezahlen? Die ersten reflexartigen Antworten sind nicht immer die besten. Der Leitartikel.

Mehr zum Thema

Kommentare